Pflegepraktikum vor dem Medizinstudium? Regierung sagt Nein

Wie weiter nach dem Aus des Numerus Clausus? Ein obligatorisches Pflegepraktikum lehnt der Regierungsrat des Kantons Zürich ab.

, 14. Januar 2025 um 09:24
image
Einblick in den Ärztealltag: Pflegepraktikum als Vorbereitung. Bild: mit KI erstellt/Midjourney
Nach der Entscheidung im vergangenen September, den Numerus Clausus abzuschaffen, steht eine entscheidende Frage im Raum: Wie könnte das Zulassungsverfahren für das Medizinstudium künftig gestaltet werden?
Ein Vorschlag sorgt dabei für Diskussionen: Ein mindestens sechsmonatiges Pflegepraktikum soll zur Voraussetzung für die Zulassung zum Eignungstest für das Medizinstudium werden.
Josef Widler, Arzt und Zürcher Kantonsrat der Mitte-Partei, hatte diese Idee ins Spiel gebracht. In einem parlamentarischen Vorstoss fordert er, dass im Kanton Zürich ein mindestens sechsmonatiges Pflegepraktikum.
«Medizinstudierende kommen zu spät in Kontakt mit der Arbeitswelt, in der sie sich später zurechtfinden müssen», erklärte Widler seinen Vorstoss in der «NZZ»: Das Praktikum solle den Studierenden einen frühen Einblick in die Realität des Gesundheitswesens geben.
Anders sieht dies der Regierungsrat des Kantons Zürich – und lehnt Widlers Vorschlag ab. Ein obligatorisches Pflegepraktikum könnte den Ärztemangel gar vergrössern, schreibt die Kantonsregierung in ihrer Antwort auf die Motion.
«Diese grosse Zahl an zusätzlichen Plätzen kann von den Zürcher Gesundheitsinstitutionen nicht bereitgestellt werden.»
Die hohe Aussteigerquote bei Ärzten liege weniger daran, dass Mediziner nach dem Studium mit dem Leid oder Tod von Patienten überfordert wären. Vielmehr liege die Ursache in den schlechten Arbeitsbedingungen. Zugleich sei ein obligatorisches Pflegepraktikum nicht nur kostenintensiv, sondern auch praktisch kaum umsetzbar: Im Kanton Zürich wären dazu jährlich 101'000 zusätzliche Praktikumstage erforderlich.
«Diese grosse Zahl an zusätzlichen Plätzen kann von den Zürcher Gesundheitsinstitutionen nicht bereitgestellt werden», heisst es weiter. Bereits jetzt stehen die Spitäler unter erheblichem Druck, genügend Praktikumsplätze für die klinische Ausbildung während des Medizinstudiums bereitzustellen und die ohnehin knappen Kapazitäten weiter auszubauen. Als Nächstes berät nun der Kantonsrat über das Anliegen.

VSAO gegen Pflegepraktikum

Der Verband Schweizer Assistenz- und Oberärzte begrüsst den Entscheid der Zürcher Kantonsregierung. Auch der VSAO sieht den Zwang, vor dem Medizinstudium als Selektionselement ein sechsmonatiges Pflegepraktikum zu absolvieren, «als kontraproduktiv und schwer umsetzbar», wie der Verband in einem Positionspapier schreibt.
Als «standardisiert und fair» erachtet der VSAO hingegen den Numerus clausus, wobei dieser «überarbeitet werden sollte, so dass die Sozialkompetenz und die Motivation für den Arztberuf auf eine validierte Art getestet werden können.»
Die an den Universitäten Genf, Lausanne und Neuenburg angewandte Methode, die Zahl der Studierenden über Prüfungen nach dem ersten und/oder zweiten Studienjahr zu reduzieren, gäbe zwar vielen Interessierten die Möglichkeit, das Studium zu beginnen, allerdings gehe durch die Selektion während des Studiums auch viel Zeit und Geld verloren.
image

  • Ein Test soll sagen, ob jemand das Talent zum Arzt hat: Die Universität Heidelberg will vor Studienbeginn sicherstellen, dass angehende Ärzte sozial kompetent sind.

  • numerus clausus
  • medizinstudium
  • ausbildung
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Todesfall wirft Fragen zur Zulassung ausländischer Ärzte auf

Rund 3000 Ärzte arbeiten in der Schweiz ohne offiziell anerkanntes Diplom. VSAO-Präsident Severin Baerlocher fordert im «Tagesanzeiger», den Ärztebestand vorrangig mit hier ausgebildeten Fachkräften zu sichern.

image

Lehre mit Herz und KI: Der SGAIM Teaching Award 2025 geht nach St. Gallen

Simone Krähenmann zeigt, wie moderne Medizinlehre digitale Tools nutzen kann – doch zentral bleiben nahbare Ausbildner mit Begeisterung. Dafür wird sie mit dem SGAIM Teaching Award 2025 geehrt.

image

Zürich will hunderte neue Medizin-Studienplätze schaffen

Mit dem Projekt «Med500+» steigt die Zahl der Plätze für Studienanfänger von 430 auf 700. Zehn neue Professuren sind geplant.

image

Medizin-Universitäten: Bern überrascht in weltweitem Fachvergleich

Im «Shanghai-Ranking» der führenden Medizin-Hochschulen schneidet die Uni Bern unter den Schweizer Standorten am besten ab. In der Zahnmedizin schafft sie es sogar in die Weltspitze.

image

KI-Power mit Medinside: Online-Kurs zu Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen

Entdecken Sie neue Chancen – mit unserer Schulung zur Künstlichen Intelligenz im Gesundheitswesen. In 2 x 90 Minuten zeigen wir Ihnen, wie Sie KI sicher und effektiv einsetzen.

image

Medizinstudium: Berns Parlament setzt ein klares Zeichen

Ohne Gegenstimmen nahm der Grosse Rat einen Vorstoss an, der mehr Studienplätze verlangt. Auch soll der Kanton dafür neue Bauten sowie Fördermassnahmen für unterversorgte Medizin-Fachrichtungen finanzieren.

Vom gleichen Autor

image

«Sich blindlings auf KI zu verlassen, kann verheerende Folgen haben»

KI-Kameras im Universitätsspital Zürich sorgen für Diskussionen über Datenschutz und Patientensicherheit. IT-Experte Marc Ruef erklärt Chancen und Risiken. Das Interview Teil 2

image

Digitale Premiere in Basel: Erster e-Consent in einer klinischen Studie

Am Universitätsspital Basel kommt erstmals ein elektronisches Einwilligungsverfahren zum Einsatz. Die Forschungsgruppe von Elisabeth A. Kappos nutzt den e-Consent im Brustoperationsregister.

image

Neue Leitung für das Krebsregister Zentralschweiz

Samuela Rossi leitet neu das Krebsregister Zentralschweiz, das vom Luzerner Kantonsspital im Auftrag von vier Kantonen geführt wird.