Die Auswertung von Ferienabwesenheiten von Hausärzten fördert eine interessante Erkenntnis zutage: Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen hängt offenbar stark davon ab, ob der persönliche Hausarzt verfügbar ist – und nicht davon, ob überhaupt ein Arzt oder eine Ärztin erreichbar ist. Zumindest kurzfristig.
Dies zeigt eine Auswertung des CSS Institute for Empirical Health Economics. Darin zeigen Linn Hjalmarsson und Nicolas Schreiner auf, wie wichtig den Menschen die Beziehung zum Hausarzt oder zur Hausärztin ist – nämlich so wichtig, dass die Patienten weitgehend mit einer Konsultation zuwarten, wenn ihr Doktor in den Ferien ist.
In Zahlen ausgedrückt: Während der Ferienabwesenheit des Hausarztes sinkt die wöchentliche Wahrscheinlichkeit einer Konsultation auf 1 bis 2 Prozent. Nach der Rückkehr normalisiert sich die Besuchsrate schnell wieder und liegt dann wieder beim Normalwert von rund 8 Prozent.
Die Grafik zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Arztbesuch im Sommerferien-Monat Juli (Kalenderwochen 26 bis 31) stark abnimmt – ausser der Hausarzt ist in dieser Zeit doch anwesend (gelbe Kurve):
Die Analyse zeigt auch: Die Patienten weichen kaum auf andere Anlaufstellen aus. Facharztbesuche gehen sogar um 10 Prozent zurück. Notfallbesuche würden zwar leicht ansteigen, so das «White Paper» weiter, aber dieser Anstieg gleiche lediglich rund 1 Prozent des Rückgangs in der Grundversorgung aus. Stationäre Spitaleintritte? Unverändert.
Kein Nachholeffekt zu sehen
Nach der Rückkehr des Hausarztes zeigen sich – zumindest innerhalb von zwei Monaten – keine Nachholeffekte. Auch treten laut der Studie in diesem Zeitraum keine vermehrten Spitaleintritte auf.
Die Autoren schliessen daraus, dass der unterlassene Arztbesuch zumindest kurzfristig nicht medizinisch dringend war – selbst bei einer dreiwöchigen Abwesenheit und damit einer erheblichen Menge an unterlassenen Konsultationen.
Hjalmarsson und Schreiner betonen allerdings, dass sie wegen des kurzen Beobachtungszeitraums von zwei Monaten nach der Rückkehr des Hausarztes längerfristige Gesundheitsfolgen nicht ausschliessen können.
Erfreulich für die Krankenkassen ist: Der Nachfragerückgang sorgt dafür, dass die wöchentlichen Gesamtkosten pro Patient um 17.70 Franken sinken, was einer Reduktion von 19 Prozent entspricht.
Was die Autoren ebenfalls untersucht haben: Die Patienten bleiben auch dann ihrem Hausarzt treu, wenn am Wohnort viele andere Hausärzte praktizieren, die sie konsultieren könnten.
«Gewachsenen Beziehungskapital»
«Über Jahre aufgebautes Vertrauen, geteiltes Wissen über die Krankengeschichte und die gewachsene Vertrautheit – dieses ‹Beziehungskapital› lässt sich offenbar nicht einfach auf einen anderen Arzt übertragen. Die meisten Patienten verzichten lieber ganz auf den Arztbesuch, als sich an einen unbekannten Arzt zu wenden», folgert Nicolas Schreiner.
Aus der Analyse ziehen die Autoren drei Folgerungen:
- Die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung ist eine der mächtigsten Triebkräfte der Gesundheitsnachfrage – wirkungsvoller als Preisanreize oder die Anzahl verfügbarer Ärzte.
- Auf einen erheblichen Teil der routinemässigen Grundversorgung kann zumindest kurzfristig verzichtet werden, ohne dass messbare Gesundheitsschäden auftreten. Dies bedeute nicht, dass diese Leistungen keinen Wert haben, aber dass ein relevanter Anteil der Nachfrage nicht akut medizinisch notwendig sei.
- Hausärzte spielen eine wichtige Rolle als informelle Gatekeeper: Ihr Wegfall reduziert nicht nur die Grundversorgung, sondern die gesamte nachgelagerte Versorgungskette, insbesondere auch Facharztbesuche. Erstaunlich: Vor allem Versicherte mit freier Arztwahl gehen weniger oft zum Spezialisten, wenn ihr Hausarzt Ferien hat.
Darauf beruht die Analyse
Die Krankenkasse CSS hat die Abrechnungsdaten für rund 1,8 Millionen Versicherte über den Zeitraum 2014 bis 2024 analysiert. Dabei verglichen sie die wöchentliche Gesundheitsversorgung von Patienten, deren Hausarzt abwesend ist, mit einer zeitgleichen Kontrollgruppe ähnlicher Patienten, deren Hausarzt durchgehend verfügbar blieb.