Bluttest weckt Hoffnung, dass man bald 18 Krebsarten früherkennen kann

US-Forscher eruierten 10 Proteine, die in den Plasmaproben von Krebspatienten und gesunden Menschen unterschiedlich vorkommen.

, 15. Januar 2024 um 23:00
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Symbolbild: Emin BAYCAN on Unsplash
Das Papier nennt sich selber «Proof of Concept»-Studie, seine Hauptaussage ist also: Es könnte funktionieren. Aber dass es funktioniert, ist damit noch lange nicht gesagt.
Was funktionieren könnte, wäre ein Test, mit dem man 18 verschiedene Krebsarten im Frühstadium erkennen könnte – und dies auf Basis von 10 Proteinen. Diese These veröffentlichte ein Forscherteam vergangene Woche im «BMJ Oncology».
Besonders attraktiv dabei: Die Methode scheint unabhängig vom Geschlecht zu wirken. Und bei Krebsarten in verschiedensten Organen.
  • Bogdan Budnik, Hossein Amirkhani, Mohammad H. Forouzanfar, Ashkan Afshin: «Novel proteomics-based plasma test for early detection of multiple cancers in the general population», in: BMJ Oncology, Januar 2024.
  • doi: 10.1136/bmjonc-2023-000073
Wie das? Das Team, angestellt bei der Forschungsfirma Novelna in Palo Alto, Kalifornien, arbeitet daran, Plasmaproteine als biologische Marker von bestimmten Tumoren festzumachen. Für die nun veröffentlichte Studie nahmen sie Samples von 440 Personen, bei denen 18 verschiedene Krebsarten diagnostiziert worden waren; und ferner von 44 gesunden Blutspendern.
Dann untersuchten sie jeder Probe nach gut 3000 Proteinen, die stark mit chemischen Stoffwechselentwicklungen von Krebs korrelieren – mit einer Technologie, die Antikörper und einen statistischen Algorithmus.
Der erste Schritt bestand darin, die biologische Signatur eines Tumors zu erkennen; der zweite Schritt umfasste die Identifizierung des Ursprungsgewebes und der Krebssubtypen – zum Beispiel kleinzellige oder nichtkleinzellige Lungekrebsarten.
Nach einem Eliminierungsprozess blieben 10 Proteine, die in den Plasmaproben von Krebspatienten und gesunden Menschen unterschiedlich vorkamen.

Spezifizität 99 Prozent

Für sich alleine war jedes einzelne Protein bei der Erkennung von Krankheiten im Frühstadium nur mässig präzise; in Kombination mit den anderen Proteinen erschienen sie jedoch sehr genau.
Konkret: Sie entdeckten 93 Prozent der Krebserkrankungen im Stadium 1 bei Männern; bei den Frauen lag die Quote bei 84 Prozent.  Bei den Männern erreichte die Spezifität 99 Prozent, die Sensitivität von 90 Prozent. Bei den Frauen lag die Spezifität ebenfalls bei 99 Prozent, die Sensitivität bei 85 Prozent.
Die Hoffnung auf Bluttests zur Früherkennung von Krebs ist derzeit ein grosses Thema in der onkologischen Forschung sowie in der Pharma- beziehungsweise Diagnostik-Industrie. Mitte Dezember meldete ein Team des Paul-Scherrer-Instituts selbstbewusst, dass man einen Bluttest entwickelt habe, der gesunde von kranken Menschen mit einer Genauigkeit von rund 85 Prozent unterscheiden kann.

Der Weg ist noch lang

Es gelang dabei erstens, mittels Blutprobe festzustellen, ob eine Krebserkrankung vorliegt. Und zweitens habe bei drei Erkrankungen – Melanom, Gliom oder Kopf-Hals-Tumor – die Art korrekt bestimmt werden können.
Die Testanlage hier: Veränderungen in der Organisation des Zellkerns mancher Blutzellen geben einen sicheren Hinweis auf einen Tumor im Körper – und diese Veränderungen respektive die Muster dahinter können mit KI durchschaut werden.
«Das ist das erste Mal weltweit, dass dies jemand geschafft hat», sagte Forschungsgruppenleiter G. V. Shivashankar laut der Mitteilung. Laut den Forschenden könnte das neue Verfahren in Zukunft nicht nur auf die untersuchten Tumore anwendbar, sondern auf zahlreiche andere Krebsarten.
Die ersten Reaktionen auf die jüngsten Erfolgs-Meldungen aus Kalifornien waren aber auch von einer gewissen Vorsicht geprägt. «Der klinische Nutzen dieser Technologie, sei es für die routinemässige symptomatische Beurteilung von Patienten oder für Screenings, ist noch lange nicht bewiesen», liess sich der Onkologe Richard Sullivan vom King's College in London zitieren: «Die Hürden auf dem Weg zu einem klinisch bedeutsamen Nutzen dieser Technologie sind so gross, dass dieser gesamte Ansatz zur Früherkennung und zum Screening scheitern könnte.»
Mehrere Experten wiesen auch auf das eher kleine Sample hin.
  • Onkologie
  • Forschung
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