Wie ergeht es Ärzten, die an Krebs erkranken?

Mit einem Schlag sind sie nicht mehr Ärzte, sondern Patienten: Eine Ärztin und zwei Ärzte schreiben über ihre Krebserkrankung.

, 1. Februar 2023 um 07:04
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Bild: Stokking Freepik
Zuerst waren sie die Helfer und die Patienten die Hilfsbedürftigen. Plötzlich tragen sie selber das Patientenhemd und andere den weissen Kittel. In der «Deutschen Medizinische Wochenschrift» schildern die Psychiaterin Sandra Apondo, der Intensivmediziner Thomas Bein und der Pneumologe Bernd Schönhofer, wie sich ihre Perspektive aufs Kranksein geändert hat.

Ihnen fehlte die Empathie

Die drei Betroffenen zeigen, wie ihre gewohnte Souveränität nach einer Krebsdiagnose zusammenbrach und ihre Perspektive sich nachhaltig veränderte. Sie haben erlebt, dass ein hocheffizienter Medizinbetrieb wenig Raum für Gespräche lässt und behandelnde Kollegen aus Selbstschutz jegliche Empathie verweigern.
Einerseits haben die drei Fachleute festgestellt, «wie trügerisch und fragil die Grenze zwischen Ärzten und Patienten ist.» Und alle sind sie dankbar für die Hochleistungsmedizin, die den Krebs geheilt oder zumindest zurückgedrängt hat.

Als Kranken plötzlich einsam

Als «Kunden» seien sie meist freundlich und kompetent behandelt worden. Ihnen wurde aber auch unvermittelt bewusst, wie der wirtschaftliche Druck auch sehr rationelle und eng getaktete Abläufe verlangt.
Sie fühlten sich als Kranke plötzlich einsam und fühlten am eigenen Leib, wie ihnen die vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung fehlte. «Da sitzt man nach Abschluss der Diagnostik im kahlen Vorzimmer und ahnt voller Angst, welch gravierendes Urteil im nächsten Augenblick auf einen zukommt», berichten sie.

Professionelle Distanz zum Selbstschutz

Besonders aufgewühlt hat sie die professionelle Distanz, hinter welcher sich die Ärzte, ihre Kollegen, offenbar zum Selbstschutz verschanzten. Den Leidenden gegenüber dürfe man keine Gefühle zu zeigen, so laute das ungeschriebene Gesetz.
Therapeutischer Optimismus habe vorgeherrscht: Sie erinnern sich an Fachsimpelei «unter Kollegen» über Tumormarker, Operationsstrategien und verheissungsvolle Studien.

Zwiespältiges Wissen

Doch solches Wissen ist bei einer Krebsdiagnose zwiespältig. Manchmal helfe es, den eigenen Fall nüchtern zu betrachten, öfter jedoch schüre es zusätzlich Ängste, weil sämtliche Worst-Case-Szenarien bekannt sind.
Wenn nach einer Hochdosis-Chemotherapie oder Stammzelltransplantation zehn Tage lang keine Leukozyten mehr nachweisbar sind, raubt das Fachleuten den Schlaf, weil ihnen die Gefahr klar vor Augen steht.

Echte Gespräche fehlten

Die fachliche Diskussion verhindert oft auch ein echtes Gespräch. Dabei wäre es auch für die gesunden Ärzte wichtig, finden die Betroffenen. Für die gesunden Kollegen ist das Unglück eines Menschen in einer ähnlichen Position eine Bedrohung. Plötzlich hat man Angst, man werde selber einmal zum Patienten.
Denn die kranken Kollegen sind ja nur durch Zufall in diese Misere geraten, der Krebs hätte ja genauso sie selbst treffen können. Sich das einzugestehen, erfordert Mut.

Mehr menschliche Signale

Oft würden sich die Kollegen schwierigen Themen entziehen, seien froh, wenn das Handy klingle oder etwas anderes Wichtiges anstehe.
Die drei Ärzte kommen zum Schluss, dass es mehr als optimierte Prozesse zur guten medizinischen Behandlung brauche. Sie wünschen sich mehr menschliche Signale, eine anteilnehmende Berührung, oder einen Wortwechsel.

Sollen sie die Diagnose offenlegen?

Sie fordern mehr Gespräche und Einfühlsamkeit, die Kernelemente des Arztberufs. Sie wollen weniger emotionale Kühle und Abstand, sondern Empathie, jemanden der zuhört und auf sie eingeht.
Ob Ärzte mit einer Krebsdiagnose ihr Schicksal offenlegen sollen oder nicht, lassen sie offen. Mit ihren Berufskollegen hätten sie offen über ihre Krankheit gesprochen und oft konstruktive Gespräche erlebt.
Einer der drei Ärzte, Thomas Bein, hat auch ein Buch verfasst: «Ins Mark getroffen. Was meine Krebserkrankung für mich als Intensivmediziner bedeutet».

Ärzte können ziemlich wehleidig sein

Auf der Social-Media-Plattform Reddit diskutierten Ärzte, was sie tun, wenn sie selbst krank sind.
Dabei zeigte sich zum Beispiel:
  • Viele Ärztinnen und Ärzte diagnostizieren sich selber und entscheiden dann auch selber über ihre Behandlung. Diese ist dann sehr unterschiedlich: Es gibt Ärzte und Ärztinnen, die sofort bei jedem kleinen Unwohlsein Medikamente nehmen, andere wehren sich zumindest bei Bagatell-Erkrankung gegen jegliche Arzneimittel.
  • Oft sind Ärzte und Ärztinnen erstaunlich wehleidig, stellen deren Partnerinnen und Partner fest.
  • Viele Ärzte, zum Beispiel Notärzte, müssen beruflich immer vom Schlimmsten ausgehen, wenn sie ihre Patienten untersuchen. Viele tun dies dann auch, wenn es um sie selber geht.
  • Wenn Ärzte ernsthaft krank sind, handeln sie möglicherweise schneller als Laien: Ein Tumorspezialist schildert, wie er einen Knoten entdeckt hat. Am nächsten Tag sei er in den Ultraschall gegangen und der Tumor sei bestätigt worden. Und schon am übernächsten Tag habe der eigene Chef den Knoten herausoperiert.
  • Ärzte und Ärztinnen nutzen zur Diagnose oft auch die Infrastruktur ihres Arbeitsortes. So schildert ein Radiologe, wie er mit einer Computertomographie bei sich ein Lymphom diagnostiziert habe.



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