Wir sollten am Krankenkassen-Obligatorium rütteln

Es ist an der Zeit, grosse und mutige Schritte zu diskutieren: Nur so können wir die Gesundheitskosten je in den Griff kriegen. Drei Vorschläge von Peter Fischer.

, 17. November 2017, 06:31
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Die neusten Gesundheitsprognosen der Konjunkturforschungsstelle der ETH besagen, dass das Gesundheitswesen im Jahr 2019 ein Kostenvolumen von über 90 Milliarden Franken erreichen wird. Als Folge solcher Zahlen wird in den Medien und in der Politik vermehrt über finanzielle Fehlanreize in unserem Gesundheitswesen diskutiert.
Dabei genügt es selbstverständlich nicht, nur über Fehlanreize zu sprechen. Es muss auch aufgezeigt werden, wie diese Fehlanreize beseitigt werden können.
Beunruhigend ist es tatsächlich, wenn man sieht, dass die Gesundheitskosten seit 1960 von 1,9 Milliarden Franken auf über 84 Milliarden Franken im laufenden Jahr gestiegen sind – und dass sie weiter steigen sollen.
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    Der Autor

    Peter Fischer war CEO der Visana-Krankenkasse, Verwaltungsratspräsident der Lindenhof-Gruppe in Bern und bis Ende Juli Direktor im Privatspital Hohmad in Thun.

Aber in der laufenden Diskussion werden fälschlicherweise die Gesamtkosten des Gesundheitswesens sofort mit den OKP-Prämien beziehungsweise den Grundversicherungsprämien in einen direkten Zusammenhang gestellt. Das heisst: Der Fokus liegt ausschliesslich auf die Prämienhöhe. Das geht so weit, dass man den Eindruck erhält, wir finanzierten mit unseren Krankenkassenprämien die Gesamtkosten des Gesundheitswesens. Tatsache ist, mit der OKP-Prämie wird nicht einmal die Hälfte der Gesundheitskosten finanziert.
Konkret: Im Jahr 2017 werden von den 84,1 Milliarden Franken Gesundheitskosten gerade mal 30,2 Milliarden Franken über die Prämien finanziert. Würden mit den OKP-Prämien die gesamten Gesundheitskosten finanziert, ergäbe dies eine durchschnittliche Prämienbelastung von über 800 Franken pro Kopf der Bevölkerung – monatlich.
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Entwicklung der Gesundheitskosten in der Schweiz seit 1960 | Daten: Kof, Grafik: PF
Und so sind Spardiskussionen, die nicht die Gesamtkosten anvisieren, sind in der Regel wenig zielführend. Das zeigen die neuen kantonalen Vorgaben, gewisse Eingriffe nur noch ambulant durchzuführen: An den Gesamtkosten im Gesundheitswesen ändert sich dadurch herzlich wenig. Es geht fast ausschliesslich um die Frage, ob die Kosten via Prämien oder via Steuergelder finanziert werden.

Benchmark Nachbarländer

Der Anteil der Gesundheitskosten am Bruttoinlandprodukt unterscheidet sich um gut ein Prozent von den umliegenden Ländern. In Frankreich beispielsweise lag er zuletzt bei 10,9 Prozent, in Deutschland bei 11,0 Prozent – und in der Schweiz bei 11,9 Prozent (Stand 2015). Diese Prozentsätze geben im Sinne eines Benchmark den Rahmen für Kostenoptimierungen in der Schweiz vor.
Was den Anteil der Gesundheitskosten am Volkseinkommen anbelangt, nehmen in Europa die Schweiz, Schweden, Holland und Deutschland eine Spitzenposition ein. Gerade die Niederlande sind ein lehrreiches Beispiel für die Schweiz. Noch vor wenigen Jahren galten sie auch für die Schweiz als Musterknabe hinsichtlich Effizienzbemühungen. Offenbar wird das Land dieser Vorbildfunktion nicht mehr gerecht.
Was können nun Schritte in Richtung höherer Effizienz im Gesundheitswesen sein?

  • Einheitliche Finanzierung des Gesundheitswesens und Sicherstellung, dass gegenüber den Leistungserbringern möglichst nur ein Finanzierer auftritt. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Fokus auf die Gesamtkosten gelegt wird. Das bedeutet nicht, dass die übrigen Kostenträger im Gesundheitswesen aus ihrer finanziellen Mitbeteiligung entlassen werden. Zumindest die uneinheitliche Finanzierung von stationär und ambulant muss schnell überwunden werden.
  • Abkehr von den komplizierten und für Laien unverständlichen Abgeltungstarifen im Spital (DRG) und ambulant (Tarmed): Mindestens die ärztliche Leistung muss künftig auf der Grundlage eines einfachen und nachvollziehbaren Zeittarifs abgegolten werden. Mit den komplizierten und unverständlichen Tarifen von heute ist die Steuerung der Mengenausweitung und der damit verbundenen Teuerung nicht möglich.
  • Aufweichen des KVG-Obligatoriums: Das heutige KVG-Obligatorium hat zu einer Vollkaskomentalität der Patienten geführt. Alles wird bezahlt. Heute wird als Gegenmassnahme über eine Erhöhung der Mindestfranchise diskutiert. Effizienter wäre eine Diskussion über die Redimensionierung des Obligatoriums, beispielsweise auf Hochkostenfälle. Und damit eine Abkehr vom Vollkaskoprinzip im Gesundheitswesen.

Es ist an der Zeit, wieder einmal grosse und mutige Schritte zu diskutieren. Wenn das nicht möglich ist, bleibt alles Stückwerk und die gleichen Diskussionen werden alljährlich wiederkehren.
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