«Viele Menschen fühlen sich unwohl in den Dienstplan-Strukturen»

Warum arbeitet jemand temporär? Wann wird Temporärarbeit für Spitäler und Heime eher zum Fluch oder zum Segen? Alain Meyer weiss es: Seine Firma Careanesth arbeitet seit 18 Jahren im Verleih von Gesundheitspersonal.

, 18. April 2017, 06:35
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Herr Meyer, warum will jemand im Gesundheitswesen als Temporärangestellter arbeiten?
Das sind individuelle Entscheidungen in bestimmten Lebensabschnitten. Nach unserer Erfahrung nutzen die Mitarbeitenden dieses Arbeitsmodell gezielt und meist zeitlich begrenzt. Temporärarbeit ermöglicht es, sich weiterzubilden, zu reisen oder sich um die Familie zu kümmern, und gleichzeitig eben auch im Beruf zu bleiben, indem man seine Arbeitszeit anhand der momentanen privaten Lebenssituation selber gestalten kann. Das Gesundheitswesen arbeitet mit Dienstplänen, und der Dienstplan ist irgendwie auch ein Sanktionierungsinstrument: Er dient dazu, die Mitarbeiter zu steuern. Heute gibt es sehr viele Menschen, die in diesen Strukturen Beruf und ihre private Lebenssituation nicht mehr in Einklang bringen können – so Personen, die aus familiären oder altersbedingten Gründen gezwungen sind, nach anderen Modellen zu suchen. Eine andere Gruppe sind die Vertreter der «Generation Y», die mehr Freiheit wünschen.
Darauf haben doch schon viele Institutionen reagiert: Spitäler, Heime, Spitex-Dienste – fast alle bemühen sich inzwischen, flexible Einsatzmöglichkeiten zu schaffen.
Ja, und es ist auch gut, wenn die Institutionen darauf eingehen. Aber bei Springer-Modellen haben die temporären Mitarbeitenden zusätzlich die Möglichkeit, in verschiedenen Häusern zu arbeiten und damit weitere Erfahrungen zu sammeln.
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    Alain Meyer ist seit Anfang 2015 Geschäftsführer und Inhaber von Careanesth. Das Unternehmen hat sich spezialisiert auf den Verleih und die Vermittlung von Personal im Gesundheitswesen. 1999 gegründet, vermittelte es zuerst ausschliesslich Anästhesiefachleute, bald weitete sich das Spektrum an Berufen aus, und seit einigen Jahren fokussiert Careanesth auf neue flexible und bedarfsorientierte Personaleinsatzkonzepte. Alain Meyer studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Basel, dann arbeitete er als Berater und Verwaltungsrat mehrer KMU.

Sie nennen auch familiäre Gründe für den Wunsch zu Temporärarbeit. Auch hier bemühen sich die Spitäler und Heime selber, die notwendige Flexibilität zu bieten.
Stimmt, es wird vielleicht versucht, vermehrt auf solche Bedürfnisse einzugehen, etwa von Müttern. Dies ist aber in grossen und traditionellen Arbeitsorganisationen schwierig. Es gibt einfach Situationen, wo beispielsweise eine Mutter mit kleinen Kindern nur jeweils am Montag und Dienstag im Frühdienst arbeiten kann. Wenn sie diese Möglichkeit innerhalb einer Institution beansprucht, wird es schwierig. Sie kann kaum in einen Dienstplan integriert werden – oder wenn, dann schafft das einen gewissen Missmut bei den übrigen Mitarbeitenden. Wer fix in einem Team nur an zwei Wochentagen Frühdienst leistet, wird bald als Rosinenpicker wahrgenommen: Die erwähnte Mutter macht keine Wochenend-Dienste, keine Nachtdienste…
…und wenn dieselbe Person dann von aussen kommt, ist sie plötzlich beliebt.
Genau. Dann ist man sehr froh um diese Verstärkung, die dann da ist, wenn sie gebraucht wird.
Finden Sie denn genug Personal für Temporär-Einsätze im pflegerischen und medizinischen Bereich? Oder anders gefragt: Ist es eher ein Arbeitnehmer- oder Arbeitgeber-Markt?
Wir haben einen sehr starken Zuspruch – es geht eher darum, die Institutionen zu überzeugen, dass dies ein Zukunftsmodell ist. Aber die entscheidende Frage ist dabei natürlich die Qualifikation. Wer an verschiedensten Orten arbeiten will, muss hohen Qualitätsansprüchen standhalten. Wer heute einen Frühdienst an einem Ort und morgen einen Spätdienst woanders absolviert, muss sich sofort zurechtfinden können.
Aber wie ist es in Spezialfeldern wie Anästhesie-, IPs- und OPs-Pflege, wo ein krasser Notstand herrscht: Finden Sie auch dort genügend Personal?
Ja – weil wir eine Alternative bieten gegenüber fixen Dienstplänen. Unser Ziel ist es, vier Hautpzielgruppen abzuholen: Erstens Personen in den erwähnten familiären Situationen. Zweitens Personen im Alter über 50. Drittens Menschen, die dank Teilzeit-Einsätzen verschiedene Häuser kennenlernen möchten. Und schliesslich auch die «Generation Y».
Geht es denn in der Pflege in Richtung Zweiklassengesellschaft: Eine grosse Mehrzahl arbeitet in Teilzeit-, Temporär- und anderen flexiblen Anstellungen – und nur ganz wenige machen eine Fach- und Management-Karriere?
Diese Befürchtung hören wir oft: Wenn allzu viele Leute in den moderneren Strukturen arbeiten, fehlen den Häusern jene Leute, die klassisch im Team arbeiten. Ich bezweifle, dass dem so ist. Es wird immer genug Menschen geben, für die Sicherheit und intakte Teamstrukturen einer festen Anstellung ein sehr wichtiger Faktor ist. Wenn wir allerdings nicht anpassungsfähige Arbeitsmodelle anbieten können, verlieren wir viele unserer Mitarbeitenden, die wir lange und für teures Geld ausgebildet haben, in andere Branchen. Zudem kehren die Allermeisten irgendwann in traditionelle Lebens- und Arbeitsmodelle zurück.

«Im Gesundheitswesen steht die Temporärarbeit immer noch oft in einem falschen Licht: Temporär gleich teuer»

Immerhin wies die Aufsichtskommission des USZ letztes Jahr auf ein Folgeproblem hin: Die Rede war von Temporärfirmen, die Pflegepersonal abwerben und diesem flexiblere Möglichkeiten verschaffen – mit der Folge, dass es am Ende teurer wird. Sind Sie ein Kostenproblem?
Wir werben keine Mitarbeitenden ab. Das sind immer persönliche Entscheidungen, die von den Mitarbeitenden getroffen werden. Im Gesundheitswesen steht die Temporärarbeit noch oft in einem falschen Licht: Temporär gleich teuer. Dabei ist der Temporäranteil hier sehr gering – wir reden von maximal einem Prozent. In anderen Branchen liegt die Quote bei zehn Prozent. Und bedarfsorientierte Modelle ermöglichen es, weniger temporäre Mitarbeitende einzusetzen und auch nur dann, wenn die Auslastung hoch ist.
Bei den Kosten sind wir Vorreiter, indem wir bedarfsorientierte Modelle in einem webbasierten System anbieten. Sie erlauben es den Organisationen, weniger temporäre Mitarbeitende einzusetzen – und auch nur dann, wenn die Auslastung hoch ist. 
Was heisst das konkret?
Ein Beispiel: Nehmen Sie ein Spital, in dem erfahrungsgemäss über drei Stationen stets etwa 200 Stellenprozent krankheitsbedingt ausfallen. Man kann diese Lücken durch festes Personal abdecken – dann braucht man unterm Strich mehr feste Stellen, da Zeitpunkt und Umfang des Ausfalls nie vorhersehbar sind. Oder man lässt die Mitarbeiter mehr Überzeit leisten: Das führt zu Unzufriedenheit und längerfristig zu höherer Fluktuation. Aber wenn man diese 200 Stellenprozent gar nicht besetzt, sondern bedarfsorientiert durch temporäres Personal besetzt, dann kommt es am Ende sogar günstiger. Falls man aber damit beginnt, feste Stellen wegen Rekrutierungsschwierigkeiten durch temporäres Personal zu ersetzen, dann stimmt wirklich etwas nicht.
Ganz grundsätzlich: Was ist zu tun gegen den allgemeinen Mangel an Personal im Pflege- und Medizinbereich?
Eine Teilung – oder Neudeutsch «Sharing» – des Personals kann hier helfen. Denn in sich ist jede Institution beim Personaleinsatz ineffizient, da ihr oft die hierfür kritische Grösse fehlt. Nehmen Sie beispielsweise eine Intensivpflegestation eines Regionalspitals mit rund 10 IPS-Betten und dem entsprechendem Fachpersonal. An gewissen Tagen sind diese Betten bei weitem nicht immer ausgelastet. Dann wird das sehr rare und teure IPS-Personal auf anderen Stationen eingesetzt, oder es ist unterbeschäftigt. Zugleich ist ganz in der Nähe ein weiteres Spital mit genau dem gegenteiligen Problem. Wenn also Clearing-Stellen zwischen diesen Häusern bestehen, dann schafft dies eine grosse Entlastung und einen effizienteren Einsatz der Ressourcen.
Wann werden Sie durch eine App ersetzt? Letztlich kann man sich vorstellen, dass auch der Personaleinsatz im Gesundheitsbereich teilweise ähnlich dem Airbnb- oder Uber-Modell über direkte App-Beziehungen läuft.
Diese Entwicklung haben wir mit unserer webbasierten Software bereits eingeleitet und damit das Temporär-Geschäft schon stark verändert. Aber es geht weiter in der Entwicklung: Wir arbeiten daran. Unser Bestreben ist es, dorthin zu kommen. Careanesth entwickelt sich von einer Temporärfirma zu einem Lösungsanbieter für flexiblen und bedarfsorientierten Ressourceneinsatz. 

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