Tarmed: Der Eingriff des Bundesrates hat doch etwas gebracht

Ist doch alles ganz anders? Laut Berechnungen von Curafutura verdienten die Grundversorger seit 2014 mehr – und die Kosten bei den Spezialärzten sanken deutlich.

, 22. August 2016, 04:00
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Es gilt ja fast schon als eine Binsenweisheit im Tarmed-Streit. Als der Bundesrat im Sommer 2014 beschloss, 200 Millionen Franken von den Spezialärzten zu den Hausärzten umzuleiten, baute er einen Flop. Die Idee war, über Tarmed-Anpassungen die Arbeit in der Grundversorgung attraktiver machen, ohne dass es die Prämien- und Steuerzahler mehr kosten würde. Also wurden die Sätze bei den Spezialärzten gesenkt.
Doch eben, so die inzwischen allgemein verbreitete Einsicht: Das hat nicht geklappt. Denn die Spezialärzte schafften es, sich schadlos zu halten durch Mengenausweitungen und durch intensivere Nutzung von gewissen Gummi-Positionen. Sowohl das BAG als auch der Kassenverband Santésuisse legten entsprechende Zahlen vor.

Selber überrascht

Jetzt aber kommt Curafutura, der andere Kassenverband, und widerspricht. Die Korrektur des Jahres 2014 habe eine deutliche Wirkung gezeigt – «insgesamt hat sie den Versicherten sogar Einsparungen gebracht»: Dies sagte Curafutura-Direktor Pius Zängerle in der «NZZ am Sonntag». Er sei selber überrascht.
Eine Analyse von Curafutura stellte fest, dass die Hausärzte zwischen Oktober 2014 und September 2015 über die neuen Zuschlags-Positionen 178 Millionen Franken zusätzlich abgerechnet hatten. In 91 Prozent der Fälle profitierten die Grundversorger (Fachärzte für Allgemeine und Innere Medizin, praktische Ärzte, Kinder- und Jugendmediziner). 7 Prozent des Neu-Volumens ging an Gruppenpraxen. 

Leichte Verlängerung von Konsultationen

Bei den Spezialisten wiederum sanken die Kosten um 238 Millionen Franken. Ungefähr die Hälfte davon büssten die Spitäler in ihrem ambulanten Bereich ein. Die höchsten Kürzungen gab es bei den Kapiteln Radiologie, Auge sowie Operationssaal.
Vor allem: Nur rund 18 Millionen wurden über Ausweichpositionen à la «Leistungen in Abwesenheit des Patienten» und «Konsultation, weitere 5 Minuten» kompensiert. 
In der Gastroenterologie, so stellte Curafutura weiter fest, wurde die Position «Nachbetreuung/Betreuung/Überwachung in der Arztpraxis» auffallend öfter verrechnet. Eine leichte Verlängerung von Konsultationen sei auch bei den Ophthalmologen feststellbar. 

Eingriff hat «sein Ziel erreicht»

Insgesamt macht Analyse bei den betroffenen Spezialisten ein Volumen von rund 20 Millionen Franken aus, das anders verrechnet wurde als dies aus den früheren Erfahrungen zu erwarten gewesen wäre.
Am Ende ergaben sich also Einsparungen von rund 40 Millionen Franken. «Damit hat der Eingriff sein Ziel erreicht», bilanziert Pius Zängerle in der NZZaS.
Für den Curafutura-Chef verliert nach dieser Erfahrung die Aussicht, dass der Bundesrat den Tarmed festlegen könnte, etwas von ihrem Schrecken. Als «vorübergehende Massnahme kann ein solcher Schritt durchaus nochmals akzeptabel sein.»
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