Stefan Felder: Es geht nicht ohne Leistungskürzungen

Der Basler Gesundheitsökonom sieht Möglichkeiten zur Rationierung bei älteren Leuten: Das Alter sei ein gerechtes Kriterium.

, 30. Januar 2017, 05:00
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Zweiklassenmedizin und Rationierung: Das war diesmal das grosse Thema in der «Sonntagszeitung». Dabei wurden auch gut 60 Spitzenmediziner aus den Bereichen Intensivmedizin und Onkologie befragt. Das Thema bewege die Mediziner – «das zeigen die vielen Reaktionen.»
Für alle stünden bei der Therapiewahl Wille und Wohl des Patienten im Zentrum. Auch sei für etwa die Hälfte der Angefragten klar, dass Geld keine Rolle spielen dürfe; diese Haltung sei insbesondere in der Westschweiz stark.

Kosten: Nicht im Vorder-, aber im Hintergrund

Aber die andere Hälfte der befragten Mediziner spricht über ihr Dilemma – nämlich dass sie sich in einer Grauzone bewegen, dass sie sowohl das Patientenwohl als auch das Budget beachten müssen. «Bei jedem Patienten sollten bei exzessiv teuren Therapiemöglichkeiten Kostenüberlegungen mit in Entscheide einbezogen werden», zitiert die SoZ einen Leitenden Arzt. «Sie stehen nicht im Vordergrund, sie sind aber im Hintergrund präsent.»
Im Interview dazu fordert nun Gesundheitsökonom Stefan Felder Leistungskürzungen für Allgemeinversicherte: «Ich sehe keinen anderen Weg, als dass wir den gesetzlichen Leistungskatalog einschränken», sagt der Professor für Health Economics in Basel. «Wir sollten Leistungen, bei denen das Kosten-Nutzen-Verhältnis ungünstig ist, streichen und der privaten Zusatzversicherung überlassen.»

Die Hüftgelenk-Frage

Konkret nennt Felder das systematische Brustkrebs-Screening, den PSA-Test in der Vorsorge gegen Prostatakrebs und die Operationen des vorderen Kreuzbandes beim Knie. Irgendeinmal komme aber auch das künstliche Herz.
Damit deutet der Ökonom also auch an, dass insbesondere die Medizin für alte Leute rationiert werden könnte.
«Das Alter ist ein einfaches und auch gerechtes Rationierungskriterium – vorausgesetzt, der Staat informiert die Bürger frühzeitig.» Es sei durchaus zu diskutieren, ob die Allgemeinheit neue Hüftgelenke für 85-Jährige bezahlen soll.

«Wir tun es nur nicht»

Grundsätzlich – so erinnert Felder weiter – sei einiges bereits im Gesetz erfasst: Denn bekanntlich sieht das KVG vor, dass die bezahlten Leistungen nicht nur wirksam und zweckmässig, sondern auch wirtschaftlich sein müssen. «Hohe Kosten bei gleichzeitig geringer Wirkung rechtfertigen somit den Ausschluss einer Leistung», so Felder. «Wir tun es nur nicht.»
Als Methode zur Konkretisierung nennt der Basler Professor das Qaly-Prinzip: Die Gesellschaft definiert, was uns ein qualitätsbereinigtes Lebensjahr maximal wert ist. 
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