«Weniger Ärzte sind nicht bessere Ärzte»

Der Genfer Privatklinik-Direktor Rodolphe Eurin stichelt gegen die neuen Zulassungshürden für Ärzte: Bisherige Ärzte würden übermässig vor Konkurrenz geschützt.

, 1. Juni 2022, 14:13
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«Wenn wir die Zahl der Ärzte beschränken, sind die bisherigen dann besser und ordnen weniger unnötige Behandlungen an?»: Mit dieser Frage kritisiert Rodolphe Eurin zum wiederholten Mal Entwicklungen im Schweizer Gesundheitswesen.

Gegen Zulassungsbeschränkungen der Kantone

Rodolphe Eurin ist Direktor des Genfer «Hôpital de la Tour» und Präsident der Vereinigung Genève-Cliniques, der acht Privatspitäler angehören. Ihm missfällt, dass gemäss neuem Recht die Kantone Höchstzahlen für Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich festsetzen können.
Er stellt nicht in Abrede, dass die Schweiz eine ungewöhnlich hohe Ärztedichte hat und gleichzeitig das Land mit den höchsten Gesundheitskosten in Europa ist. Doch eine Einschränkung der Ärzte-Zulassungen ist seiner Ansicht nach unwirksam.

Weicht der Genfer Arzt in den Jura aus?

Er fragt sich: «Was ist mit dem jungen Arzt, der seine Ausbildung gerade abgeschlossen hat, aber keine Genfer Patienten behandeln darf? Wird er sich wirklich im Jura niederlassen, wie wir es wünschen, oder wird er den Job wechseln?»
Eurin fordert, dass man sich auf das wahre Problem konzentrieren müsse, nämlich auf die Qualität der Ärzte und ihrer Behandlungen. Mit der Zulassungsbegrenzung erreiche man eher das Gegenteil: Bisherige Ärzte würden einen übermässigen Schutz erhalten, indem der Wettbewerb künstlich ausgeschaltet werde. Wenn man die Eröffnung neuer Restaurants begrenzen würde, würde man damit wohl nicht die Qualität der Menüs oder des Service verbessern, erläutert er seine Meinung mit einem Vergleich.

Schutzstatus für bisherige Ärzte

Schon heute unterliege die Anstellung eines neuen Arztes strengen Regeln. «In der Schweiz ist es fast unmöglich, einen Arzt, dem es an positiver Einstellung mangelt, der Teamarbeit ablehnt oder unakzeptable Anforderungen stellt, durch einen anderen zu ersetzen, der zu einem positiven Arbeitsklima beiträgt, der an Teamarbeit für bessere Ergebnisse zugunsten des Patienten glaubt, der offen ist und sich selbst in Frage stellt», sagt Eurin. Ein angestellter Arzt sei geschützt, während es unmöglich sei, einem neuen Arzt einen Platz zu geben, falls er anderswo als in der Schweiz studiert hat.
Rodolphe Eurin setzt sich als Direktor eines Genfer Privatspitals schon seit einiger Zeit für mehr Konkurrenz unter den Spitälern ein. In der Klinik «La Tour», die er leitet hat er die Prinzipien der «Smarter Medicine» eingeführt, welche die Verschreibung von gewissen zu oft verordneten Medikamenten oder diagnostischen Untersuchungen reduziert.
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