Sind übernächtigte Ärzte wirklich riskanter für die Patienten?

Vielleicht nicht. Eine grosse Erhebung zeichnet ein neues Bild: Ärzte, die nach einer Nachtschicht operieren, verursachen nicht häufiger Komplikationen als ihre ausgeschlafenen Kollegen. Die Deutung ist allerdings bemerkenswert.

, 1. Januar 2016, 05:00
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In der Debatte um die Arbeitszeiten und Überstunden des medizinischen Personals gilt es ja fast als Allgemeinplatz: Je überlasteter und übermüdeter die Ärzte und Pflegenden, desto gefährlicher wird es für die Patienten. Doch dies müsste sich ja auch mit Fallzahlen untermauern lassen. 
In Kanada wurde jetzt wieder der Versuch gemacht. Ein Forscherteam aus mehreren Spitälern und Instituten in Toronto analysierte die Daten von 38'978 Patienten, die von insgesamt 1'448 Ärzten behandelt wurden – und zwar ging es um den direkten Vergleich.

Derselbe Arzt – mal ausgeschlafen, mal müde

Das heisst: Beobachtet wurde jeweils derselbe Arzt. Hatte er vor dem Eingriff bereits zwischen Mitternacht und 7 Uhr früh gearbeitet? Oder konnte er in der Nacht schlafen? Danach wurden Komplikations- und Fehler-Indikatoren analysiert – Todesfälle, Wiedereintritte innert 30 Tagen, Länge des Spitalaufenthalts, Behandlungsdauer… 
Das Team um den Chirurgen Anand Govindarajan betrachtete dabei recht häufige Eingriffe, beispielsweise Hüftoperationen, Gebärmutter-Entfernungen oder Bandscheiben-Eingriffe.

Anand Govindarajan, David R. Urbach, Matthew Kumar, et. al.: «Outcomes of Daytime Procedures Performed by Attending Surgeons after Night Work», in: «New England Journal of Medicine», August 2015. 

Das Resultate war mager: «Wir fanden keine signifikanten Unterschiede zwischen Patienten, bei denen der Eintriff durch einen Arzt vorgenommen wurde, welcher zuvor nach Mitternacht Patienten betreut hatte, und jenen Patienten, deren betreuender Arzt in der Nacht zuvor nicht behandelt hatte», so ein Fazit der Datenerhebung. 
Die Komplikations- beziehungsweise Erschwernis-Quote erreichte 22,4 Prozent bei ersteren und 22,2 Prozent bei letzteren – und auch nach dem Herausrechnen anderer möglicher Faktoren (wie Alter des Arztes oder Art des Spitals) liessen sich keine Unterschiede zwischen den jeweiligen Patientengruppen eruieren.

Wie gross ist der Einfluss der Erfahrung?

Nur: Damit stehen die Statistiker aus Ontario auch im Widerspruch zu diversen Erhebungen, welche Zusammenhänge zwischen der Qualität der medizinischen Arbeit und dem Schlagmangel aufzeigen konnten. Eine Betrachtung von knapp 2'000 Eingriffen in den USA zeigte beispielsweise 2009 auf, dass die Zahl der Komplikationen tatsächlich höher lag, wenn der behandelnde Arzt in der Nacht davor weniger als sechs Stunden schlafen konnte. 
Das Team in Toronto greift in seinem Aufsatz diesen Punkt selber auf – und liefert eine interessante Interpretation: Alle anderen Studien konzentrierten sich auf junge Assistenzärzte. Diesmal aber standen erfahrene Ärzte (ab Stufe Attending Physician/Oberarzt) im Zentrum. Bei diesen Medizinern nun könnte die Erfahrung gewisse Müdigkeits-Schwächen überspielen.

Der Vorteil der höheren Hierarchiestufe

Denkbar allerdings auch – so eine der Autorinnen gegenüber dem Fachorgan «Medcity News» –, dass die Müdigkeit hierarchisch anders verteilt wird: Schliesslich können etablierte Ärzte ihren Tages- und Wochenplan stärker bestimmen. So dass es ihnen auch eher möglich ist, nach einer Nachtschicht zumindest eine längere Pause einzuschieben, bevor sie den nächsten Eingriff angehen.
Mit anderen Worten: Dass müde Ärzte gefährlich sind – diese These wird durch die neue Studie aus Kanada noch nicht direkt widerlegt. Auf der anderen Seite können die Daten doch die Patienten etwas beruhigen: Wenn der behandelnde Arzt in der Nacht davor im Einsatz war, so ist es gut möglich, dass er trotzdem noch oft genügend fit sein.
Bild: Celine Theron Aboud, aus der Twitter-Kampagne #yotambienmedormi, bei der Ärzte aus aller Welt zur Verdeutlichung der Problematik Bilder von sich oder schlafenden Kollegen veröffentlichten.
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