Pflege: Mehr Lohn hatte keinen Einfluss auf Jobzufriedenheit

Die überwiegende Mehrheit der Pflegekräfte in Deutschland ist generell mit der Arbeitsstelle zufrieden. Trotzdem sehen die Teilnehmenden einer Branchenumfrage Verbesserungsbedarf bei den Arbeitsbedingungen.

, 11. Januar 2022 um 06:33
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Eine Befragung aus Deutschland kommt zu einem bemerkenswerten Schluss: Obwohl zwei Drittel der Pflegenden in den letzten drei Jahren Lohnsteigerungen erhielten, haben sie sich praktisch nicht auf die Zufriedenheit im Job ausgewirkt: 17 Prozent sind damit unverändert unzufrieden, ein Viertel ist weiterhin zufrieden und die Mehrheit empfindet es immer noch als teils/teils. Das ergab eine Befragung von 200 Pflegekräften, davon 100 aus Spitälern und je 50 aus Pflegeheimen und ambulanter Versorgung. Die Umfrage wurde Ende 2021 durch das Marktforschungsinstitut Schlesinger im Auftrag des privaten Spitalbetreibers Asklepios Kliniken durchgeführt.
«Dass sich die teilweise deutlichen Gehaltssteigerungen der Pflegekräfte in den letzten Jahren, mit denen sie jetzt zu den mit am besten bezahlten Ausbildungsberufen zählen, überhaupt nicht auf die Zufriedenheit ausgewirkt haben, sollte uns zu denken geben», sagt Kai Hankeln, der Chef der Asklepios Kliniken.
Natürlich, schlussfolgert Hankeln, müsse die Diskussion, was ein angemessenes Gehalt darstelle und was der Gesellschaft die Pflege wert sei, fortgesetzt werden. «Aber wir sollten auch andere Aspekte ins Auge fassen, die für die berufliche Zufriedenheit sehr wichtig sind, wie zum Beispiel die gesellschaftliche Wertschätzung». Der Blick nach Deutschland zeigt: Unser Nachbarland kämpft mit ähnlichen Problemen wie wir in der Schweiz. 
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Kai Hankeln, CEO Asklepios Kliniken

Mediales Dauerfeuer, wie furchtbar der Pflegeberuf doch sei 

Klatschen auf Balkonen hilft dem Chef von 49'000 Mitarbeitenden zufolge nicht, wenn gleichzeitig ein «mediales Dauerfeuer ohne Unterlass» suggeriert, wie furchtbar der Pflegeberuf doch sei und so Missstimmung und den «Pflexit» befördert. Tatsächlich gebe es keinen Beruf, der mit mehr menschlicher Nähe verbunden sei, kombiniert mit viel Verantwortung, technischem Verständnis und guten Aufstiegschancen, so der CEO der Asklepios Kliniken.
Viele Pflegekräfte scheinen das gemäss Umfrage durchaus so zu sehen: Denn immerhin 78 Prozent der Befragten sind generell mit ihrer Arbeitsstelle zufrieden. Während für ein Drittel dies unverändert gilt, hat für 43 Prozent die Zufriedenheit abgenommen, für 23 Prozent allerdings auch zugenommen. Während das mit 30 Prozent besonders bei ambulanten Pflegediensten gilt, war es in Pflegeheimen mit 16 Prozent ein viel geringerer Teil.

Fast alle sind durch überbordende Bürokratie belastet

Den wichtigsten Verbesserungsbedarf im Pflegeberuf sehen die Teilnehmenden der Befragung in der Verringerung der Bürokratie und mehr Zeit für die Patienten. In Deutschland müssen Pflegende im Mittelwert fast die Hälfte der Arbeitszeit für Bürokratie aufwenden, wie aus der Umfrage hervorgeht. Das Ausmass der Bürokratie frustriert deshalb neun von zehn Befragten. Zudem stellen zwei Drittel in den letzten fünf Jahren eine deutliche Zunahme der Bürokratie fest.
«Gerade in Anbetracht des massiven Fachkräftemangels in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen muss diese Ursache für Unzufriedenheit im Pflegeberuf angegangen und die Belastung durch Dokumentation und Bürokratie deutlich verringert werden», sagt Hankeln. Dazu könnte beispielsweise die Digitalisierung beitragen.

Über die Hälfte würde den Beruf aber wieder ergreifen

In der Umfrage ging es auch um die Frage, ob die Pflegekräfte ihre Berufswahl denn bereuen. Immerhin würden mit fast 60 Prozent deutlich über die Hälfte den Pflegeberuf wieder wählen. Mit 72 Prozent liegen hier die Beschäftigten von Pflegeheimen vorne, während in Kliniken nur 49 Prozent dies tun würden. Dort fällt ein deutlicher Unterschied abhängig von der Trägerschaft auf: Während die bei privaten Klinikträgern tätigen Pflegekräfte zu 67 Prozent den Beruf wieder ergreifen würden, sind es bei öffentlichen Trägern nur 45 Prozent und bei konfessionellen 39 Prozent.
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