Milch hydriert den Körper besser als Wasser

Ein neuer Index liefert überraschende Erkenntnisse, welche Getränke der Feuchtigkeitsversorgung dienen und welche nicht. Bier und Kaffee sind besser als ihr Ruf.

, 5. Juli 2016, 07:10
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Über die Frage, wie viel Wasser der Mensch zu sich nehmen soll, um leistungsfähig zu bleiben, gibt es so viele Antworten wie Experten. Die einen reden von einem Liter, andere raten zu zwei oder gar drei Litern täglich - und im Sommer sogar noch mehr. Nur schon die Spanne an Ratschlägen zeigt, wie wenig fundiert sie im Grunde sind. 
Ein neuer «Beverage Hydration Index» liefert nun erstmals empirisch gestützte Empfehlungen, welche Getränke den Körper am effizientesten mit Feuchtigkeit versorgen. Er wurde von Spezialisten der britischen Loughborough University entwickelt und beantwortet die Frage, wie lange 13 bekannte Getränke im Körper bleiben, nachdem sie konsumiert worden sind. Es ist die erste Studie, die die Hydratation in Menschen untersucht, die keine sportliche Tätigkeit ausüben. Die Ergebnisse wurden im «American Journal of Clinical Nutrition» veröffentlicht. 

Test an 72 Männern

Teilnehmer der Studie waren 72 Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Sie alle tranken einen Liter Wasser plus eines bis drei andere gängige Getränke innerhalb von 30 Minuten. 
Die Menge Wasser, die vier Stunden später noch nicht ausgeschieden war, erhielt den Wert 1.0. Die Menge aller anderen im Körper verbliebenen Getränke wurde dazu ins Verhältnis gesetzt. Ein Wert von mehr als 1.0 zeigt, dass mehr Feuchtigkeit im Körper bleibt, ein tieferer Wert weist auf eine höhere Ausscheidungsrate als Wasser hin. 

Vollmilch, entrahmte Milch und Orangensaft sind top

Das Resultat verblüfft: Drei Getränke hatten einen signifikant höheren Hydratations-Index als Wasser. Es handelt sich um Vollmilch, entrahmte Milch sowie Speziallösungen wie Pedialyte. Sie alle kamen auf Werte von 1.5. Orangensaft schnitt mit 1.1 Punkten ebenfalls besser ab als Wasser. Alle anderen Getränke von Ice Tea über Coca-Cola, heisser Tee, Kaffee, Bier oder kohlesäurehaltiges Wasser schnitten gleich ab wie stilles Wasser.  
Maughan RJ, Watson P, Cordery PA, Walsh NP, Oliver SJ, Dolci A, Rodriguez-Sanchez N, Galloway SD: «A randomized trial to assess the potential of different beverages to affect hydration status: development of a hydration index» - in: «The American Journal of Clinical Nutrition», März 2016
Warum ist Milch ein derart guter Feuchtigkeitsspender? Studienleiter Ronald J. Maughan erklärt in einem Blog der New York Times: «Trinken signalisiert den Nieren normalerweise, überschüssiges Wasser loszuwerden, worauf sie mehr Urin produzieren. Wenn aber die Getränke - wie das bei Milch der Fall ist - Mineralien wie Sodium und Potassium enthalten, die als Elektrolyten wirken, wird der Magen langsamer entleert. Die Nieren arbeiten weniger heftig, die Flüssigkeit bleibt länger im Körper.»

Kaffee und Bier haben keine dehydrierende Wirkung

Entgegen der landläufigen Meinung wiesen auch Getränke mit einem moderaten Koffein-, Alkohol- und Zuckergehalt identische Werte wie Wasser auf. Die dehydrierende Wirkung, die Kaffee und Bier immer nachgesagt wird, konnte also nicht bewiesen werden. Auch Softgetränke versorgen den Körper genau gleich mit Feuchtigkeit wie Wasser, obschon sie Zucker enthalten und Ernährungsexperten von ihnen abraten.
Aus den Studienergebnisse lassen sich Empfehlungen ableiten. Wer etwa auf einer Reise über längere Zeit keinen Zugang zu Flüssigkeit hat, ist gut beraten, Milch zu trinken. Das gleiche gilt für ältere Menschen, die ein geringeres Durstempfinden haben, oder kleine Kinder, die gerade an heissen Sommertragen Gefahr laufen zu dehydrieren. Allerdings gilt es zu bedenken, dass Milch viel mehr Kalorien hat als Wasser. 
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