Warum der Senevita-Chef keinen GAV will

«Entscheidend für die Zufriedenheit der Mitarbeitenden sind weiche Faktoren, nicht einzig der Lohn», sagt Hannes Wittwer, CEO von Senevita, der zweitgrössten Anbieterin für betreutes Wohnen und Langzeitpflege.

, 7. Juli 2017, 18:00
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Herr Wittwer, wie würden Sie die Zufriedenheit Ihrer Mitarbeiter auf einer Skala von 1 bis 10 beurteilen?7,4
So exakt habe ich es nicht erwartet. Es ist das Resultat einer Umfrage des unabhängigen Instituts «Great Place to Work», die alle Jahre durchgeführt wird. Der Zufriedenheitswert ist gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen.
7,4 dünkt mich aber nicht wirklich hoch. Jeder vierte ist unzufrieden.  So kann man es nicht sagen. Die Umfrage umfasst alle Aspekte vom Lohn, dem Teamgeist, der Entwicklungsmöglichkeiten. Von zwölf befragten öffentlichen und privaten Pflegeeinrichtungen belegte Senevita den vierten Rang.
Welcher Aspekt hat eher durchschnittlich abgeschnitten? Wo müssen Sie den Hebel ansetzen?Bei der Weiterbildung und den Entwicklungsmöglichkeiten. Wir entwickeln zu diesem Zweck mit professioneller Hilfe ein eigenes Weiterbildungsprogramm: die Senevita-Akademie. Damit können wir in Zukunft zielgerichtete Weiterbildungen unserer Mitarbeitenden besser koordinieren und vorausschauend planen.

«Mit einem GAV lösen wir keine Probleme.»

In letzter Zeit waren aber in verschiedenen Medien über unzufriedene Senevita-Mitarbeiter zu lesen.Bei 1800 Mitarbeitenden gibt es leider immer auch einzelne Unzufriedene darunter. Das können wir nicht ausschliessen, aber wir schauen sehr genau hin und stellen uns den Problemen. Wir suchen den Dialog und erfahren so, was wir verbessern können. Häufig ist eine Unzufriedenheit aufs Mikro-Klima zurückzuführen. Also auf die Zusammenarbeit und die Stimmung im Team. Aber selbstverständlich setzen wir alles daran, die Zufriedenheit so hoch wie möglich und die Fluktuationsrate so tief wie möglich zu halten. Eine tiefe Fluktuatiosrate ist für uns eine der wichtigsten Erfolgsfaktoren, wenn nicht der wichtigste.
Aus Kostengründen?Nicht nur. Eine hohe Fluktuation ist schlecht für die zu pflegenden Personen. Sie schätzen es, wenn sie immer möglichst von den gleichen Pflegenden betreut werden. Eine hohe Fluktuation ist auch nicht positiv fürs Team. Und klar: Sie kostet auch.
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    Hannes Wittwer

    ist seit fünf Jahren CEO von Senevita. Zuvor war der 59-jährige Emmentaler Direktor im Daler-Spital in Freiburg und noch vorher Personalchef und Geschäftsleitungsmitglied bei den SBB. Wittwer ist auch Verwaltungsratsvizepräsident bei der Berner Lindenhof-Gruppe und war bis Ende 2016 Verwaltungsrat der Atupri-Krankenkasse.

Im Pflegebereich wird wohl die Fluktuation grösser sein als in der Gastronomie, stimmts?Das kann man so sagen. In der Pflege haben wir einen Arbeitnehmermarkt. Wenn eine gute Pflegefachkraft mit Job und Umfeld nicht zufrieden ist, hat sie flugs eine neue Stelle.
Senevita ist profitorientiert. Öffentliche Heime sind es nicht. Somit ist der Kostendruck bei Privaten grösser als bei Öffentlichen. Stimmts?Die Finanzierung der Pflege ist für alle gleich. Es ist klar festgelegt, wie viel die Krankenversicherer zahlen. Es ist bekannt, wie viel Kanton und Gemeinden als Restfinanzierer beisteuern. Zudem sind wir an einen Mindeststellenplan gebunden. Die Personalkosten und die Tarife sind somit für private und öffentliche Heime identisch, unabhängig der Trägerschaft. Es sei denn, die Gemeinde deckt automatisch das Defizit.
Aber in der Lohngestaltung sind Sie frei.Wie gesagt: Wir haben einen Arbeitnehmermarkt. Wir können es uns nicht leisten, tiefere Löhne zu zahlen als öffentliche Heime.
Ein Gesamtarbeitsvertrag würde hier Transparenz schaffen.Ja, aber auch Kosten verursachen für dessen Administrierung. Ich kann hier nur wiederholen, was Senesuisse-Geschäftsführer Christian Streit ihnen in einem Interview schon erklärte. Entscheidend für die Zufriedenheit der Mitarbeitenden sind weiche Faktoren, nicht einzig der Lohn. Mit einem GAV lösen wir damit keine Probleme.
Wie können Sie denn als private Gruppe noch Geld verdienen?Frei sind wir in der Festlegung der Hotellerietaxe. Nur für EL-Bezüger gibt es Höchstgrenzen. Durch unsere Grösse haben wir Vorteile im Einkauf. Zudem haben wir Synergien zwischen betreutem Wohnen und der Pflege - auch dank den dazu gehörenden Restaurationsbetriebe.
Senevita führt doch auch reine Pflegeheime, ohne betreutes Wohnen.Ja, an der Lenk, in Ittigen, in Herrliberg und in Spreitenbach. Die Margen sind dort auch entsprechend schmal.

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