«Mich stört das»

Martine Ruggli fordert den amtierenden Pharmasuisse-Präsidenten heraus. Das sind die Gründe dafür.

, 17. August 2020, 16:53
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Martine Ruggli, sie fordern am 9. September den amtierenden Pharmasuisse-Präsidenten Fabian Vaucher heraus. Was sind die Gründe dafür?
Ich kandidiere, weil ich gerne frischen Wind im Verband hätte. Pharmasuisse hat die Berufspolitik als Kernaufgabe. Generelle muss der Verband stärker mit anderen Akteuren wie den Kantonen, Gruppierungen, Ketten aber auch mit anderen Leistungserbringerverbänden zusammenarbeiten. Auch ganz wichtig, Pharmasuisse muss die junge Generation an der Berufspolitik beteiligen und mit ihnen an der Gestaltung ihrer Zukunft arbeiten. Das ist nötig, denn es ist eine spezielle Zeit für die Branche. Ein neuer Tarif steht vor der Einführung. Das ist ein sehr grosser Schritt. Doch das Vorgehen der aktuellen Leitung ist nicht gut. Aus meiner Sicht wurde die Basis nicht genügend involviert.
Können Sie das ausführen?
Die Entscheidungen wurden in der Geschäftstelle gefällt. Doch man hat bis jetzt der Basis nicht aufgezeigt, was dieser neue Tarif für sie bedeutet. Das weiss heute niemand – speziell bezüglich der Auswirkungen auf die Einnahmen der einzelnen Apotheken. Die ganze Reform muss zwar kostenneutral sein - doch was bedeutet sie für eine Landapotheke, was für eine Stadtapotheke? In den Apotheken ist man verunsichert. Kommt dazu, dass der Tarif, wie er von Pharmasuisse mit dem Krankenkassenverband Curafutura ausgearbeitet wurde und nun beim Bund liegt, noch nicht vollständig ist.
In welchem Bereich denn?
Der Bund hat die Kompetenz der Apotheker erhöht, damit sie mehr Dienstleistungen in der Grundversorgung anbieten können – zum Beispiel das Impfen in der Apotheke. Leider muss der Kunde seine Impfung in der Apotheke aktuell selber bezahlen da es nicht durch die obligatorische Krankenversicherung abgegolten wird. Die Idee war deshalb eigentlich, diese neuen Angebote tariflich zu regeln – und erst dann das Tarif-Reingenieering zu machen. Nun hat man von der Reihenfolge her genau umgekehrt gemacht.
Sie fokussieren in Ihrer Kritik stark auf den beim Bund eingereichten Tarif. Man hört aber, dass der Tarif vom Bundesrat wohl gar nicht genehmigt werden dürfte.
Der Tarif geht absolut in richtiger Richtung: Die Leistungen der Apotheker müssen vom Medikamentenpreis entkoppelt werden und separat bezahlt werden. Aber der neue Tarif ist auch verbunden mit einer Umstrukturierung des Vertriebsanteils. Diese wird auch eine Auswirkung auf das Einkommen der selbstdispensierenden Ärzte haben, weshalb wahrscheinlich auch ein spezieller Tarifvertrag mit den Ärzten notwendig werden dürfte. Deshalb kann ich und auch sonst niemand sagen, ob das so kommt – oder nicht. Und wenn der Tarif kommt, warten weitere grosse Herausforderungen.

Martine Ruggli

Die Freiburgerin ist studierte Pharmazeutin. Bis 2018 war sie rund 18 Jahre lang für Pharmasuisse tätig. Zuletzt als Direktionsmitglied und Departementsleiterin für Innovationen und Internationale Beziehungen. Sie verliess den Verband, weil sie mit der neuen Ausrichtung unter Fabian Vaucher nicht einverstanden war.
Wie sehen diese aus?
Die grösste Herausforderung wird sein, den Patienten zu erklären, weshalb die Dienstleistungen teurer werden, weshalb etwa die Abgabe von komplexen Medikamentenkombinationen bei chronisch Kranken teurer wird. Dies ist deshalb der Fall, weil viele Medikamente günstiger werden, im Gegenzug dafür die in der Apotheke effektiv anfallende Arbeit nach zeitlichem Aufwand abgerechnet wird. Und das ist sinnvoll, weil wir unabhängig werden müssen von den Medikamentenpreisen. Ansonsten werden weiterhin falsche Anreize gesetzt. Der Apotheker sollte für seine Kompetenzen in der Grundversorgung honoriert werden, nicht wegen des reinen Verkaufs.
Ist die Kritik am Tarif der einzige Grund für Ihre Kandidatur?
Ich will, dass der Dachverband seinen Mitgliedern einen Mehrwert bietet. Unter unseren Mitglieder gibt es sehr unterschiedliche Apotheken: Einzelapotheken, Ketten, Spitalapotheken. Dieser Vielfalt muss man Rechnung tragen. Damit sich die Apotheken als Grundversorger positionieren können, müssen wir alle zusammenarbeiten. Spitalapotheken haben in der bisherigen Covid-Pandemie eine enorme Rolle gespielt und zur Versorgung mit Medikamenten beigetragen, als viele Medikamente nicht lieferbar waren: Das muss künftig aber auch abgegolten werden. Dazu müssen in der näheren Zukunft die Apotheker im Pandemieplan miteinbezogen werden, zum Beispiel für eine eventuell Massimpfung gegen Covid-19.
Was wollen Sie anders und besser machen als Vaucher?
Ich möchte zum einen wie gesagt sehr eng mit der Basis zusammenarbeiten – und nicht nur wie bisher «top-down» aber auch sehr stark «bottom-up». Was auch zentral ist: Wir als Verband müssen mehr Dienstleistungen gestalten und vorbereiten, um die ökonomische Zukunft der Apotheken zu sichern.
Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Wir hatten das «NetCare»-Modell lanciert. In den angeschlossenen Apotheken erhalten Kunden ohne Voranmeldung eine vertiefte pharmazeutische Behandlung bei Krankheiten sowie kleinen Verletzungen. Da ist man dran, es im gesamten Markt zu implementieren. Pharmasuisse muss ihren Mitgliedern solche massgeschneiderte Dienstleistungen ausarbeiten und dann anbieten. Zudem haben die Apotheken in der Westschweiz und der Deutschschweiz, wo es an den meisten Orten die Selbstdispensation gibt, andere Voraussetzung. Mit unterschiedlichen Dienstleistungen müssen wir auch den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung tragen. So könnten mancherorts Apotheken eine wichtige Triagefunktion übernehmen, anderswo kann eine bessere Betreuung der chronischen Patienten in Zusammenarbeit mit den Ärzten erreicht werden. Vom dort aufgebauten Wissen können dann alle profitieren. Und wenn durch solche Triagen die Leute nicht in Notfallstationen landen, kommen die Behandlungen massiv günstiger.
Das sagte Fabian Vaucher auch.
Ja. Doch damit die Apotheken Grundversorger werden, braucht es einen Effort, den Vaucher nicht machen will. Wir brauchen solche Projekte. Nicht zuletzt aus dem Grund, weil wir beweisen müssen, was wir machen. Denn nur so bekommen wir ein Tarif. Ich sehe das auch international, wo ich beim Weltapothekerverband FIP tätig bin. Deshalb brauchen wir regionale Projektcluster - etwa in Kooperation mit weiteren Akteure - oder wir können neue Grundversorgungsangebote in Regionen ausprobieren, in denen es einen Hausärztemangel gibt. Wenn solches funktioniert, haben wir beste Argumente für einen Tarif.
Weshalb ist der Tarif so wichtig?
Die Menschen zahlen viel für die Krankenkassen. Ohne Tarif müssen sie die Leistungen in der Apotheke wie erwähnt zusätzlich aus dem eigenen Sack bezahlen. Ich verstehe, dass das vielen Mühe macht.
Unter Vaucher werden die bisherigen Verbandsdienstleistungen gekürzt.
Mich stört das. Es ist die Aufgabe des Verbandes neue Angebote zu lancieren und zu finanzieren. Denn diese Angebote sind zentral für die Apotheken und für einen gelingenden Wandel hin zu Gesundheitsversorgern und einem neuen Tarif. Das Ziel muss es sein, die guten Verbandsangebote so lange zu finanzieren, bis sie «reif» sind und dann in der Markt frei geben.
Mehrere Angebote wurden eben verkauft - dann waren sie doch reif?
Für mich sind noch nicht alle davon reif, weil man noch die Auswirkung auf dem System untersuchen muss, wie damals zum Beispiel bei netCare, wo die Publikation der Studie sehr viel zur Antwort auf das Postulat Humbel beigetragen hatte. Ursprünglich wollte man die Angebote in eine Tochtergesellschaft auslagern. Das fand ich gut. So hätte man im Erfolgsfall etwas verdient und zudem die Kennzahlen aus den Projekten erhalten können. Mit diesen Zahlen hätte man in Tarifverhandlungen aufzeigen können, was die Dienstleistungen der Apotheker dem Gesundheitssystem bringen. Nun hat man aber leider nicht auf diese Lösung gesetzt.
Vaucher sagt, die Angebote hätten Jahr für Jahr nur Verlust eingebracht.
Das kommt darauf an, wie man das anschaut. Was stimmt: Neue Sachen sind nicht sofort kostendeckend. Doch man muss vorausschauen: Nur dank solcher Angebote können die Apotheken den Wandel mitmachen. Es braucht deshalb dringend weiterhin Bildungsangebote und das Verbandsnetworking.
Sind Sie optimistisch, am 9. September gewählt zu werden?
Mein Angebot ist eine klare Alternative. Ich möchte transparenter, kollaborativer arbeiten, möchte auch den Jüngeren mehr Gehör schenken. Letztendlich werden die Delegierten entscheiden, was sie bevorzugen.
Das Medinside-Interview mit Fabian Vaucher können Sie hier nachlesen.
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