Kritiker der Berner Spitalfusion fühlen sich bestätigt

Die Zahl der leichten Fälle ist im Universitätsspital Bern gestiegen. Wer sich damals gegen eine Fusion von Inselspital und Spital Netz Bern stellte, scheint hier Recht zu bekommen. Darunter Roger Kübler, der frühere CEO der Spital Netz AG.

, 11. Mai 2017, 04:00
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Herr Kübler, Sie müssen sich bestätigt fühlen.Was meinen Sie konkret?
Sie hatten immer gesagt, die Fusion des Inselspitals mit der Spital Netz AG sei ein Humbug.Ob ich wirklich Humbug sagte, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls war ich immer der Überzeugung, dass die Spitalversorgung mit diesem Zusammenschluss teurer wird.
Im Oktober 2013 sagten Sie in einem Interview, die Spital Netz AG werde geopfert, um die Insel zu stärken und ihr mehr Fälle zuzuschanzen.Und? Habe ich nicht recht gehabt? Im Inselspital ist die Zahl der stationär behandelten Patienten um 4,6 Prozent gestiegen, in den anderen Spitälern der Gruppe bloss um 3,9 Prozent. Und dies, obschon das Zieglerspital inzwischen wegen dem Aderlass der Ärzteschaft geschlossen werden musste. Rechnet man die Patienten des Zieglerspitals von 2015 mit ein, haben die Spitäler der Spital Netz AG sogar einen Rückgang von 6,9 Prozent zu verzeichnen

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    Roger Kübler

    Roger Kübler, Jahrgang 1944, hat in Bern Betriebswirtschaft studiert. Ab 1985 leitete er das Tiefenauspital in Bern, ab 1999 ebenfalls das Zieglerspital und von 2004 bis 2007 war er CEO der Spital Netz Bern AG, zu der neben Tiefenau und Ziegler auch die Spitäler in Aarberg, Belp, Münsingen und Riggisberg gehören.

Viele dieser Patienten, insbesondere des Zieglerspitals, sind wohl in Privatspitäler abgewandert.Ja, nachdem im Zieglerspital praktisch die gesamte Mannschaft der Geriatrie ins Siloah wechselte, dürften ihr viele Geriatriepatienten des Zieglerspitals gefolgt sein. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der Leiter Tarifstruktur bei Santésuisse bestätigte, dass die Zahl der leichten Fälle im Inselspital gestiegen ist. Er muss es wissen. Und schliesslich ist der Case-Mix-Index gesunken. Das sagt einiges.
Die Insel begründet den abnehmenden CMI mit dem DRG-Katalogeffekt. Glauben Sie daran?Das mag zum Teil zutreffen. Doch auch die gesunkene Verweildauer deutet darauf hin, dass mehr leichte Fälle behandelt werden. Ich zitiere aus dem Geschäftsbericht: «2016 wurde am Inselspital 45700 Patientinnen und Patienten stationär versorgt. Damit nahmen 4,6 Prozent mehr Patientinnen und Patienten das breite Angebot der hochspezialisierten Medizin am Inselcampus Anspruch». Wissen Sie, was das heisst?
Ich bin gespannt.45700 Personen nahmen die hochspezialisierte Medizin in Anspruch. Davon hätten aber rund 80 Prozent in jedem anderen regionalen Spitalzentrum oder Privatspital behandelt werden können. Und dies bei einer tieferen Baserate.
Woher wissen Sie das?Wir haben vor zirka fünf Jahren einen detaillierten Vergleich der Behandlungsfälle nach Diagnosen vorgenommen, der dies aussagte. Zudem wird jeder Arzt, der in den letzten Jahren im Inselspital und gleichzeitig in einem regionalen Spitalzentrum gearbeitet hat, diese Aussage bestätigen.

«Es ist sehr schwierig, die von der Insel-Gruppe veröffentlichten Zahlen zu interpretieren.»

Sie zweifeln offenbar auch an der TransparenzEs ist sehr schwierig, die von der Insel-Gruppe veröffentlichten Zahlen zu interpretieren. Die Transparenz ist überhaupt nicht gegeben. Man hat keine Zeitreihe. Wegen der chronischen Strukturveränderungen sind Vergleiche mit den Vorjahren Vergleiche von Äpfeln und Birnen.
Haben Sie ein Beispiel?Von der Akutgeriatrie im Zieglerspital haben wir es schon gehabt. Nach dem Weggang aller leitenden Ärzte und wesentlichen Teilen des therapeutischen und pflegerischen Personals ist im Tiefenau eine Geriartrie mit einem minimalen Angebot eröffnet worden. Ein Jahr später ist dieses erheblich erweitert worden.
In den letzten vier Jahren hat das Spital Netz gegen 30 Ärzte verloren. Könnte nicht das der Grund sein, weshalb die Insel mehr leichtere Fälle behandelt?Schwierig zu sagen. Wie gesagt: die Transparenz des Geschäftsberichts lässt zu wünschen übrig. Die kantonale Gesundheitsdirektion müsste über die veränderten Partientenflüsse Kenntniss haben. Sicher ist lediglich, dass der Aderlass der Ärzte für das Tiefenauspital verheerend war.

«Die Patienten kamen nicht wegen der Pneumologie ins Tiefenauspital. Sie kamen wegen Mordasini.»

Warum genau?Im Tiefenau- und Zieglerspital waren bekannte Spezialärzte tätig. Spontan in den Sinn kommen mir der Orthopäde Hubert Nötzli, der Pneumologe Carlo Mordasini, die Chirurgen Stefan Birrer und Daniel Giacchino. der Kardiologe Martin Brack. Die Patienten kamen nicht wegen der Pneumologie ins Tiefenauspital. Sie kamen wegen Mordasini. Oder nehmen Sie den Nötzli, der vom Balgrist kam und jetzt im Sonnenhof wirkt. Er hat Patienten aus der ganzen Schweiz. Aber ich möchte noch etwas zur Inselgruppe sagen.
Bitte.Ich habe bei meiner Betrachtung zur Fusion von Insel und Spital Netz stets den staatspolitischen Aspekt ausgeklammert. Langfristig hat die Schweiz Platz für drei voll ausgebaute Universitätsspitäler mit allen Spezialdisziplinen. Genf und Lausanne sind aufgrund ihrer engen Kooperation gesetzt. Gesetzt ist ebenfalls Zürich. Und Basel verfügt dank der Pharmaindustrie im Rücken auch über sehr gute Karten.
Damit wäre die Insel als viertes Universitätsspital aus dem Rennen.Genau. Aber für Bern hat das Inselspital wirtschafts- und staatspolitisch eine sehr grosse Bedeutung. Mit der Einverleibung der Spital Netz AG ist das Inselspital das schweizweit grösste Spital geworden.
Grösse allein sagt ja noch nichts.Das ist auch meine Meinung. Doch Politiker denken anders. Ich will damit nur erklären, weshalb für viele Grossrätinnen und Grossräte die Integration der Spital Netz AG so wichtig war.
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