Krankenkassen setzen die Waffe der Negativlisten nur halbherzig ein

Bei Tarifverhandlungen mit Spitälern sitzen Krankenversicherer am kürzeren Hebel. Das müsste nicht sein. Die Lösung heisst Negativlisten.

, 15. November 2020 um 20:06
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Sympany und Helsana gegen das Basler Universitätsspital, CSS und wiederum Helsana gegen die Solothurner Spitäler oder die KPT gegen die Genolier-Gruppe, wie die Westschweizer Spitalkette des Antoine Hubert damals noch hiess. 
Das sind die in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gewordenen Tarifstreitigkeiten im Bereich der Spitalkostenzusatzversicherungen, die vorübergehend zu einem vertragslosen Zustand und mitunter zu einem Reputationsschaden der betroffenen Krankenversicherer führten.

Kontrahierungszwang

Nach Einschätzung des Preisüberwachers unterliegen die Krankenversicherer einem Kontrahierungszwang, indem sie die von den Spitälern und zum Teil deren Ärzten vorgegebenen Tarife schlucken müssen. Und wenn sie es nicht tun, so endet eben der Tarifstreit in einem vertragslosen Zustand mit dem genannten Reputationsschaden. (Mehr dazu lesen Sie hier).
Umgekehrt können die Krankenversicherer nicht jeden Tarif akzeptieren, weil sie ja die Zusatzversicherungen privat und halbprivat dem Kunden schmackhaft machen müssen. Das geht nur bei vernünftigen Prämien.

Negativlisten wäre die Lösung

Und doch gäbe es einen Ausweg: Spitalversicherungen ohne freie Spitalwahl. Helsana brachte vor zwei Jahren Hospital privat und halbprivat auf den Markt. Auf einer Negativliste sind Spitäler und Ärzte aufgeführt, deren Leistungen nicht gedeckt sind. Die herkömmlichen Spitalversicherungen mit freier Arztwahl werden nicht mehr verkauft. Sie bleiben bestehenden Kunden vorbehalten, die einen Kündigungsschutz geniessen.
Verglichen mit dem herkömmlichen, für Neukunden nicht mehr erhältlichen Produkt, verursacht die neue Spitalversicherung um 15 Prozent tiefere Fallkosten. Was freilich nicht heisst, dass auch die Prämie um 15 Prozent tiefer ausfällt.

Nur halbherzig umgesetzt

Die Strategie besticht; deren Umsetzung vermag indessen nicht zu überzeugen. Gerade mal drei relativ unbedeutende Kliniken befinden sich auf der Negativliste der Helsana: Wo sind sie, all die Ausreisser, von denen hinter vorgehaltener Hand die Rede ist?
«Unsere Negativliste ist dynamisch, auch wenn heute nicht viele Spitäler darauf gelistet sind, heisst es nicht, dass es immer so war beziehungsweise in Zukunft so bleibt.», beschwichtigt die Mediensprecherin.
Zudem liefen derzeit Verhandlungen. Erst wenn sich gegen Ende Jahr abzeichne, dass keine Einigung zustande kommt, werde man das entsprechende Spital auf die Negativliste setzen.

Gratwanderung

Gleichzeitig heisst es aber bei Helsana, es sei nicht ihr Ziel, «für unsere Kunden wichtige Spitäler über eine längere Dauer auf der Negativliste zu listen.»
Helsana spricht von einer Gratwanderung: Man will die Attraktivität des Produkts nicht zu stark beeinträchtigen und gleichzeitig genügend Druck auf die Spitäler ausüben, um die Preise zu senken.
Ob das auch gelingt? Helsana spricht von «guten Erfahrungen mit den neuen Spitalversicherungen.» Über ein Drittel der Kunden habe bereits in das neue Produkt gewechselt, in neun Kantonen seien es über 45 Prozent.

Die CSS ist rigoroser

Auch die CSS führt Spitalversicherungen mit und ohne freie Spitalwahl im Angebot. Wobei – im Unterschied zu Helsana – das teurere Produkt mit freier Spitalwahl auch Neukunden offensteht. Die Spitalversicherung Myflex gibt es in drei Varianten. Die teuerste gewährt die frei Spitalwahl; für die beiden anderen führt die CSS eine Positivliste. Grundlage dazu ist eine Spitalliste mit ausgewählten Leistungserbringern für Spitalversicherungen MyFlex.
Auf der CSS-Liste fehlen in der Tat prominente Adressen wie die Häuser der beiden Spitalgruppen Hirslanden und  Swiss Medical Network. Ebenfalls das Kantonsspital St. Gallen sucht man auf der Liste vergebens. Das ist wenig überraschend, wenn man den an dieser Stelle publizierten Vergleich der Fallkosten zur Hand nimmt. Siehe Artikel «Warum ist das Kantonsspital St. Gallen so viel teurer».

So machen es Sanitas und KPT

Andere Kassen, wie etwa Sanitas oder die KPT, preisen ihre Spitalversicherung mit den Worten «Freie Arzt- und Spitalwahl» an. Klickt man sich durch, präzisiert die Sanitas «Freie Arzt- und Spitalwahl in allen Vertragsspitälern». Und bei der KPT steht zusätzlich «Gut zu wissen: Spitäler ohne Tarifvertrag». Dort steht dann die Bedingung, dass die freie Spitalwahl an die Bedingung geknüpft ist, dass die KPT mit dem entsprechenden Spital einen Tarifvertrag abgeschlossen hat.
Bei der Sanitas findet man eine Positivliste; bei der KPT eine Negativliste. Wobei auch bei der Negativliste der KPT nur ein knappes Dutzend relativ unbedeutender Somatik- und Rehakliniken aufgeführt sind. Wie bei Helsana figurieren die bekannten Ausreisser der Hirslandengruppe oder auch das Kantonsspital St. Gallen nicht auf der Negativliste der KPT. 
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