Ja was jetzt: Ärztemangel oder Ärzteboom?

Die Zahl der Ärzte steigt steiler als die Bevölkerung. Dies trägt offenbar dazu bei, dass die Mediziner verstärkt als Kostenfaktor wahrgenommen werden.

, 3. April 2017, 08:20
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Im Gesundheitsbereich war das die Meldung des Wochendes: Unterm Titel «Der Mythos vom Ärztemangel» legte die «NZZ am Sonntag» (Paywall)  dar, dass die Zahl der Ärzte in den letzten Jahren viel steiler gestiegen ist als die Bevölkerung – und zwar auch in Vollzeitstellen gerechnet. «Der pauschale Ärztemangel ist ein Mythos», sagte unter anderem Pius Zängerle, der Direktor des Versicherer-Verbandes Curafutura, im Beitrag: «Wir haben in der Schweiz das Phänomen der Überversorgung.»
Die Aussage wurde eifrig weiterübernommen, etwa im «Bund», in «20 Minuten» oder im «Blick»: «Ärzte-Boom kostet die Schweiz Milliarden». Denn tatsächlich: Die Meldung steht im Widerspruch zu den Dauerwarnungen vor einem drohenden Ärztemangel – aber auch zu gewissen Aussagen der offiziellen Bundespolitik.

Widerspruch oder nicht?

Die Basis dafür bildet die soeben veröffentlichte Ärztestatistik der FMH. Daraus ergibt sich, dass die Zahl der von Ärzten ausgeübten Vollzeitstellen in den letzten acht Jahren um 19 Prozent gestiegen war – bei einem Bevölkerungswachstum von rund 10 Prozent. Und bekanntlich hat die Schweiz ohnehin eine der höchsten Ärztedichten unter den Industriestaaten.
Mangel gegen Boom: Im Kern gibt es da gar keinen Widerspruch.

  • Denn da steht auf der einen Seite die bekannte Problematik, dass ein stetiger Zuwachs an Spezialisten-Praxen vermerkt wird – mit Kostenfolgen für das ganze Gesundheitswesen.
  • Da ist auf der Gegenseite die ebenso bekannte Problematik, dass viele Hausärzte keine Nachfolger finden, wenn sie in Pension gehen möchten. Der Ärztestatistik liess sich eben auch entnehmen, dass gerade die (insbesondere männliche) Hausärzteschaft massiv überaltert ist.
  • Da ist also – drittens – das Problem, dass die Schweiz, um ihre ausscheidenden Mediziner zu ersetzen, unanständig stark darauf angewiesen ist, den Nachwuchs im Ausland zu gewinnen.
  • Der NZZaS-Beitrag verweist noch auf einen vierten Punkt: Das engere Arbeitszeit-Korsett in den Spitälern verlangt, dass hier mehr Stellen besetzt werden müssen als früher.

Die Zahl der Mediziner in der Grundversorgung stieg seit 2010 um 900, so der Beitrag weiter; wobei die Statistik hier keine Vollstellen aufweist – ein in diesem Zusammenhang noch wichtiger Aspekt. Derzeit sind laut FMH gut 11'500 Kolleginnen und Kollegen in der Grundversorgung tätig; der Anstieg hier ist also kaum genügend, als dass man von einem «Boom» oder einer «Ärzteschwemme» reden könnte – wenn man den gestiegenen Teilzeit-Anteil berücksichtigt.

«Zwei Engel fürs Erzbachtal»

Im ambulanten Sektor sank das durchschnittliche Arbeitspensum der Ärztinnen von 7,1 Halbtagen im Jahr 2008 auf 6,9 Halbtage im Jahr 2016. Bei den Männern reduzierte sich die Zahl von 9,1 auf 8,9.
Hier also der Zuwachs an Spezialisten. Und hier die durchaus dichte Versorgung in den Städten und in vielen Agglomartionen. – Doch da eine andere Realität, insbesondere in der Grundversorgung in ländlicheren Gebieten.
Diese Realität schlug sich übrigens auch in der Wochenend-Presse nieder – einfach diskret in einer Lokalmeldung der Aargauer Zeitung «Schweiz am Wochenende»: «Zwei Engel fürs Erzbachtal», so der Titel. Und dann: «Zwei neue Ärztinnen übernehmen eine Hausarztpraxis in Erlinsbach AG. So viel arbeiten wie ihr Vorgänger werden sie aber nicht.»

«Von Äpfeln und Birnen»

Eine ähnliche Verlagerung thematisierte notabene auch FMH-Vizepräsident Christoph Bosshard in seinem Kommentar zur neusten Ärztestatistik. Unterm Titel «Von Äpfeln und Birnen» beschrieb Bosshard einen neueren Fall aus dem Kanton Bern: «Ein Kinderarzt hat nach reich befrachtetem Berufsleben das Glück, eine Nachfolgelösung für seine Praxis zu finden − fünf Ärztinnen in Teilzeit führen die Arbeit weiter. Die Kopf-Statistik spricht dann von einer Verfünffachung der Versorgung.»
So weit, so klar. Beachtlich ist Diskussion um den Ärzteboom aber vielleicht aus einem anderen Grund: Hier könnte ebenfalls ein gewisser Stimmungswandel niederschlagen – ein Wandel, der auch im Rahmen der Tarmed-Debatten immer wieder spürbar war: Nämlich dass die Ärzte doch zunehmend stärker als Kostenfaktor des Gesundheitswesens wahrgenommen und beschrieben werden noch vor einigen Jahren.

«Auch der Ärzteschaft muss bewusst werden…»

Die «NZZ am Sonntag» begleitete denn auch ihren Boom-Artikel mit einem Kommentar, der mit der Aufforderung schliesst: «Auch der Ärzteschaft muss bewusst werden, dass das Schweizer Gesundheitssystem langsam auf einen Punkt zusteuert, an dem es zu den heutigen Regeln nicht mehr finanzierbar ist. Daran können die Ärzte zuletzt ein Interesse haben. Umso wichtiger wäre es, sie würden sich stärker mit konstruktiven Vorschlägen in die Debatte einbringen als bloss mit abwehrender Standespolitik.» 
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