Grundversorgung: Pflegefachleute behandeln nicht anders als Ärzte

Weichen «Practice Nurses» eher von den ärztlichen Richtlinien ab als Mediziner? Überweisen sie eher zum Spezialisten? Anhand tausender Alltags-Fälle suchten US-Forscher nach Unterschieden – doch Fehlanzeige.

, 8. März 2017, 07:18
image
  • praxis
  • apotheken
  • grundversorgung
  • hausärzte
  • pflegeinitiative
Was sollen Pflegefachleute in eigener Kompetenz ausführen dürfen? Die Frage wird ja nicht nur wegen der Pflegeinitiative akut. Sondern sie trifft eine Kernfrage des künftigen Gesundheitswesens: Wie sollen die Aufgaben innerhalb der Grundversorgung verteilt werden – angesichts der Kosten, aber auch angesichts des notorischen Mangels an Ärzten in diesem Bereich?
Eine Schiene ist bekanntlich: Pharmazeuten erhalten eine neue Rolle – die Apotheke als Triage-Stelle. Ein weiteres Modell wäre die Erweiterung der Aufgaben von Pflegefachleuten nach skandinavischem oder angelsächsischem Modell. Als «advanced practice nurses» oder «nurse practitioners» könnte das Pflegepersonal eine stärkere Rolle in der Grundversorgung spielen. Die Idee wird bekanntlich auch in der helvetischen politischen Diskussion eingebracht – sachte, aber stetig (siehe etwa hier).
Interessant sind also alle Untersuchungen zur Frage, wie sich das konkret auf der Versorgung auswirken würde.
Vier Mediziner der UCLA und der Harvard Medical School stellten dazu eine wichtige Frage: Wenn man die Massnahmen von Ärzten einerseits und Pflegefachleuten andererseits (nurse practitioners, physician assistants) vergleicht: Wichen dann letztere eher von den Guidelines der Ärzteschaft ab? 


Die Forscher unter der Leitung des UCLA-Mediziners John M. Mafi verglichen dazu die Datensätze von 29'000 Patientenkontakten, und zwar mit Menschen, die unter Atemwegs-Infektionen, Rückenschmerzen oder Kopfweh litten. Dabei wurde insbesondere untersucht, wie oft die «Pflege-Grundversorger» zu potentiell unnötigen Behandlungen griffen:

  • Einsatz von Antibiotika bei Infektionen der oberen Atemwege;
  • Röntgenuntersuchungen bei Rückenschmerzen im unteren Bereich;
  • MRI oder CT-Scans bei Kopfschmerzen.

Also sehr alltägliche und häufige Grundversorger-Fälle – die auch eine gewisse Wirkung bei den Kosten haben.
Und siehe da: Es liessen sich fast keine Unterschiede festmachen zwischen den Massnahmen von Hausärzten und jenen von Advanced Practice Nurses. Oder im Originaltext: «Unadjusted and adjusted results revealed that APCs ordered antibiotics, CT or MRI, radiography, and referrals as often as physicians in both settings.» 

Kein Spezialistentrend

Es wurden also Sonderfaktoren berücksichtigt – etwa die Ernsthaftigkeit der abschliessenden Diagnose oder die Frage, ob sich die Beteiligten eher in einer städtischen oder ländlichen Umgebung befanden.
Der oft geäusserte Verdacht, dass Nicht-Ärzte – etwa aus Unsicherheit – eher zu überflüssigen Hilfsmitteln greifen oder die Patienten eher zum Spezialisten schicken, wurde auch nicht bestätigt.

Wo es ebenfalls keine Unterschiede gibt

Im Grundsatz ergänzen sich die Aussagen mit einem grossen Literaturüberblick, der jüngst im Rahmen des Cochrane-Systems publiziert wurde. Er erfasste die vorhandenen Studien zum Verschreibungsverhalten: Gibt es hier Unterschiede zwischen Ärzten, Pflegefachleuten und Apothekern.
Da es in vielen Ländern oder Regionen inzwischen üblich ist, dass Medikamente nicht ausschliesslich von Ärzten verschrieben werden, kann man hier einen Realitäts-Check machen.
Die beteiligten Forscher aus Australien und Schottland gingen also diesen Fällen nach und fragten: Führt es zu anderen Resultaten? Gibt es einen Unterschied zwischen dem «non-medical prescribing und dem «medical prescribing»?


Das Team um Greg Weeks von der Monash University fand 46 Studien, welche das Verschreibungs-Verhalten dieser Gesundheitsberufe erfassten. Vier stammten aus ärmeren Ländern (Kolumbien, Südafrika, Uganda und Thailand), die restlichen bezogen sich auf Industriestaaten der westlichen Welt. Wobei etwas mehr als die Hälfte die Verschreibungen durch das Pflegepersonal thematisierten (26 Studien), während die anderen 20 Arbeiten auf die Apotheker fokussierten; die nicht-ärztlichen Fachleute arbeiteten teils auf Gemeindeebene, teils in Spitälern, Heimen oder in Betrieben. Im Zentrum der meisten Erhebungen standen chronische Krankheiten.

Gleiche Zufriedenheit, gleiche Adhärenz

Das Fazit: Die einen verschrieben offenbar wie die anderen. Oder genauer: Die Ergebnisse waren vergleichbar. Dies galt beim Management von Blutdruck-Problemen, von Diabetes und Cholesterin-Werten, es galt bei der Adhärenz, bei der Patientenzufriedenheit und bei der erfassten Lebensqualität.
Bei all diesen Kriterien besagten die erfassten Daten, dass die Resultate vergleichbar seien. «Die Ergebnisse deuten an», so dann die «conclusions», «dass die nichtärztlichen Fachpersonen, welche mit hoher Autonomie und unter diversen Rahmenbedingungen Rezepte ausstellen, ebenso effektiv waren wie die gewohnten ärztlichen Verschreiber.»

Mit angemessenem Training klappt es

Eine Einschränkung bringen die Autoren allerdings an – nämlich dass sie nichts sagen können zu den unerwünschten Nebenwirkungen und zum Aspekt der Verschwendung beziehungsweise zur Effizienz: Die greifbaren Studien bieten hier zuwenig Anhaltspunkte.
Dennoch wagen sie eine recht deutliche Aussage: «Mit angemessenem Training und Unterstützung sind Nurses und Apotheker in der Lage, Arzneimittel als Bestandteil der Betreuung diverser Erkrankungen zu verschreiben und dabei vergleichbare gesundheitliche Ergebnisse zu erzielen wie Doktoren.»
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Keine freie Apothekenwahl bei neuen E-Rezepten

Das Teledermatologie-Unternehmen Onlinedoctor stellt neu elektronische Rezepte aus. Diese lassen derzeit aber noch keine freie Apothekenwahl zu.

image

So sieht eine Kinderpraxis mit Design-Preis aus

Eine Solothurner Arztpraxis hat den renommierten Designpreis «Red-Dot-Award» erhalten. Medinside zeigt, wie die preisgekrönte Gestaltung aussieht.

image

Drei Fragen an...die FMH-Präsidentin Yvonne Gilli

Yvonne Gilli möchte sich ihre ärztliche Freiheit nicht mit noch mehr Gesetzen einschränken lassen. Als FMH-Präsidentin könne sie Gegensteuer geben, hofft sie.

image

Galenica macht Umsatz mit Erkältungsmitteln

Obwohl die Pandemie abflaut, macht Galenica unerwartet hohe Umsätze. In den Apotheken laufen rezeptfreie Mittel gegen Erkältung plötzlich sehr gut.

image

Pflegenotstand: SBK-Sektion fordert 20 Massnahmen

Bei ungeplanten Einsätzen sollen die Zeitgutschriften verdoppelt werden - und 19 weitere Forderungen, wie sie die SBK-Sektion ZH/GL/SH in einem Positionspapier formuliert.

image

Dieser Arzt leitet die derzeit grösste mobile Notfallstation

Eine so grosse mobile Notfall-Praxis gab es in der Schweiz noch nie: Sie steht im Pfadilager im Goms und wird von einem versierten Veranstaltungs-Arzt geleitet.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.