Franzosen erhalten homöopathische Medikamente nicht mehr bezahlt

In Frankreich gibt es künftig kein Geld mehr von den Krankenkassen für Patienten, die homöopathische Medikamente bevorzugen. Die Regierung bezweifelt die Wirksamkeit.

, 10. Juli 2019 um 15:04
image
  • pharmazie
  • ärzte
  • homöopathie
Husten, Stress oder Allergien: Die Franzosen gehören zu den größten Konsumenten von Homöopathie auf der Welt. 20 Millionen greifen zu diesen alternativen Medikamenten. Doch künftig erstattet ihnen die Krankenkasse nicht mehr wie bisher 30 Prozent der Kosten zurück. Das Gesundheitsministerium hat entschieden, ab nächstem Jahr nur noch 15 Prozent und ab übernächstem Jahr gar nichts mehr für homöopathische Medikamente zu bezahlen.

Keine Uniabschlüsse mehr für Homöopathie

Gesundheitsministerin Agnès Buzyn sagte in einem Interview mit der Agence France-Presse (AFP): «Entweder hat ein Medikament einen klinischen Nutzen, oder es hilft nicht. In letzterem Fall gibt es keinen Grund, dass es von der Allgemeinheit finanziert wird.»
Zum Entscheid beigetragen haben die beiden nationalen Akademien für Medizin und für Pharmazie, welche die Regierung in diesen Bereichen wissenschaftlich beraten. Die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel sei nie belegt worden, sagen die beiden Akademien. Sie gehen sogar so weit, zu empfehlen, dass die Medizinischen und Pharmazeutischen Fakultäten keine Universitätsabschlüsse für Homöopathie mehr verleihen sollten.

Wirksam, aber ohne wissenschaftlichen Nachweis

Die beiden Akademien anerkennen allerdings einen Placebo-Effekt, der aufgrund der Erwartungen und Hoffnungen zustande komme, welche die Patienten bei einer homöopathischen Therapie haben.
Die Streichung der Beiträge dürfte zu einer relativ geringen Einsparung von umgerechnet rund 150 Millionen Franken führen. Die Gesundheitsministerin sprach vieldeutig von einem «ganz kleinen Tropfen in der Krankenversicherung». Von den fast 23 Milliarden Franken, welche die Kassen für Medikamente zurückerstatten, machen die Homöopathischen Mittel gerade mal 0,7 Prozent aus.

Auch Weleda könnte betroffen sein

Trotzdem sind die Apotheker und Hersteller besorgt. Die Firma Boiron, welche einen grossen Teil der homöopathischen Arzneimittel in Frankreich herstellt, liess verlauten, es stünden 1300 von insgesamt 2500 Stellen auf dem Spiel. Auch die Schweizer Firma Weleda dürfte betroffen sein. Denn auch sie verkauft in Frankreich homöopathische Medikamente.
Bei den Berufsverbänden kommt die Streichung ebenfalls nicht gut an:  Philippe Besset, Präsident der Fédération des Syndicats Pharmaceutiques de France (FSPF), sagte, er nehme keine Stellung zur Wirksamkeit des Produkts, doch sehe er die Homöopathie als «unerlässlich für das Arsenal der Therapiemöglichkeiten» an. Sein Amtskollege von der Union Syndicale des Pharmaciens d'Officine (USPO), Gilles Bonnefond, befürchtet massive Preiserhöhungen bei homöopathischen Medikamenten.

In Deutschland wehrt sich eine ehemalige Homöopathin gegen die Homöopathie

Auch in Deutschland regt sich derzeit Widerstand gegen die Homöopathie. Prominenteste Gegnerin ist ausgerechnet eine ehemalige Homöopathin: Natalie Grams führte einige Jahre eine Praxis für Homöopathie. Bei der Recherche zu einem Buch las sie Hunderte von Studien und erkannte, dass der Methode jede wissenschaftliche Grundlage fehle. In «Homöopathie neu gedacht» schildert sie ihre Kehrtwende.
Sie hörte von einem Tag auf den andern auf zu praktizieren und hat sich seither dem Kampf gegen die Glaubenslehre verschrieben. Heute leitet Natalie Grams das Informationsnetzwerk Homöopathie und arbeitet für die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Sie sage nicht, dass Homöopathie nicht wirke, stellt sie klar. Aber es gebe keinen Nachweis, dass dies aufgrund der homöopathischen Substanz passiere. Diese werde so stark verdünnt, dass sie keine pharmakologische Wirkung mehr haben kann.

Schweiz ist homöopathiefreundlich

In der Schweiz werden Arzneimittel aus der Komplementärmedizin teilweise von der Krankenkasse bezahlt. Die Grundversicherung übernimmt Medikamente abzüglich Kostenbeteiligung, wenn sie auf der Spezialitätenliste aufgelistet sind. Auf dieser Liste sind auch Arzneimittel aus der Phytotherapie, Anthroposophie und Homöopathie vertreten. Medikamente, welche von der Grundversicherung nicht bezahlt werden, übernehmen häufig ambulante Zusatzversicherungen.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Die Liste: Operationen, die für schwangere Chirurginnen unbedenklich sind

In Deutschland hat die Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie eine «Positivliste« veröffentlicht.

image

Urteil: Wer den Doktor fälscht, kann auch nicht seriös als Ärztin arbeiten

Beim «Dr. med.» meint es das Zürcher Verwaltungsgericht ernst: Es untersagt einer Ärztin wegen Falschangaben die eigenverantwortliche Berufsausübung.

image

Neue Chefärztin für die Psychiatrie St. Gallen

Regula Meinherz ist nun die medizinische Leiterin der Psychiatrie St.Gallen in Pfäfers.

image

Auf diesem Kindernotfall werden auch die Eltern betreut

Am Universitäts-Kinderspital beider Basel sorgt ein neuer Dienst dafür, dass bei den Eltern kein Stress oder Frust aufkommt.

image

Gebühren für Bewilligungen: Der Preisüberwacher greift ein

Bei den Lizenzen für Medizinal- und Gesundheitsberufe herrscht Intransparenz. Sogar der Verdacht auf Abzockerei drängt sich auf.

image

«Der Regulierungswahn zerstört die Qualität der jungen Chirurgengeneration»

Es hat sich viel Frust aufgestaut bei den Chirurgie-Assistenten. Ein junger Arzt gibt Einblick in seinen Alltag.

Vom gleichen Autor

image

Betroffene mit seltener Krankheit warnen vor QALY-Bewertung

Patienten fürchten, dass ihnen wegen der Messung von «qualitätskorrigierten Lebensjahren» nützliche Behandlungen verweigert werden.

image

Auch NZZ bemängelt die heutigen Spital-Zusatzversicherungen

«Spitäler und Kassen schröpfen ihre Luxuspatienten», so eine Einschätzung dort. Das Geschäftsmodell mit den Zusatzversicherungen gerät ins Wanken.

image

Die heisse Diskussion um Insel-Premium-Abteilung

Darf ein Universitätsspital mit seiner Luxus-Abteilung die Allgemein-Abteilung sponsern? Ja, das sei sozial, finden Krankenkassen-Experten.