Diese Zukunft wünschen sich die Pflege-Profis

Was sollte für Euch erfunden werden? Was braucht Ihr? Hier die Antworten, die man bekommt, wenn man den Pflege-Fachleuten einer Universitätsklinik diese Frage stellt.

, 22. Juli 2016, 06:36
image
  • trends
  • pflege
High-Tech trifft Gesundheitsprofis: Das ist in der Theorie selbstverständlich und selbstverständlich wichtig. Aber in Wirklichkeit leben die beiden Welten oft nebeneinander her – so dass viele Tech-Produkte entstehen, welche die Fachleute in den Spitälern oder Praxen wenig bringen.
Um hier etwas mehr Klarheit zu schaffen, starteten nun einige junge Tech-Forscher im Silicon Valley (oder genauer: am Rande des Valley) ein überzeugendes kleines Projekt: Vertreter des Center for Digital Health Innovation der Universität San Francisco sassen mit Ausbildnerinnen und Pflege-Expertinnen des Universitätsspitals San Francisco zusammen – und stellten ihnen eine einfache Kernfrage: Was braucht ihr? Was sollen die schlauen Köpfe im Silicon Valley für Euch entwickeln?
Jetzt wurde die Liste veröffentlicht – mit der Aufforderung an die Startups, Entwickler und Computer-Profis: «Please reach out to us if you’re working on any of these issues!» 

  • UCSF CDHI: «UCSF Nurses Want Someone To Build These Products», in: «Medium», Juli 2016

Das geben wir gern auf Deutsch weiter – die Liste der digitalen Helfer, welche Medizin und Pflege wirklich erleichtern würde.

1. Technologie zur Navigation der Patienten und ihrer Angehörigen

Bei grossen Gesundheitsversorgern ist es eine Daueraufgabe, Patienten und viele Angehörige durch verschiedenste Stationen und Orte einer Klinik zu führen. Die Pflege-Profis wünschen sich Lösungen, welche nicht nur die Wege und Abläufe zeigen beziehungsweise lenken, sondern die Patienten oder Gäste dabei auch auf dem neusten Stand über die medizinische Lage halten. Denkbar sei eine App-Lösung, welche durch die wichtigsten Schritte führt – wobei entscheidend wird, dass sie mit den Spital- beziehungsweise Praxis-Planungsprogrammen abgestimmt werden kann.

2. Virtuelles «Überwachungspersonal»

Viel Manpower wird in der Pflege beansprucht für die gezielte Überwachung einzelner Patienten – etwa sturzgefährdeter Menschen, von Personen, die sich selber gefährden oder von dementen Patienten. Wenn nur ein Teil dieser Überwachungs- und Beobachtungs-Aufgaben durch Roboter übernommen werden könnte, liessen sich gewaltige Einsparungen erzielen.

3. Künstliche Intelligenz für das Gesamtsystem

Es gibt bereits allerhand Angebote, die mittels Algorithmen die Voraussagen und die Betreuuung von Patienten präzisieren. Etwa Geräte, welche die in der Intensivstation die Vitaldaten überwachen, daraus Schlüsse ziehen, Prognosen wagen und Alarme auslösen.
Die in San Francisco befragten Pflegeprofis wünschten sich aber noch eine stärkere Verbindung mit der gesamten Spitalumgebung. Das heisst: Ein System, bei dem sich das ganze Umfeld (etwa mit dem Licht oder in der Bewegung der Betten) den spezifischen Bedürfnissen eines einzelnen Patienten anpasst.

4. Direkte Drähte zwischen Medizinalgeräten und Patientendossier

Das Problem, dass Pflegepersonal wie Ärzte zuviel Zeit mit administrativen Aufgaben verbringen, stand auch bei der kalifornischen Befragung ganz vorne. Zu oft müssen Einträge von einem Dokument auf ein anderes übertragen werden. Hier wäre eine weitere Verfeinerung eine grosse Entlastung.
Ein Beispiel: Enorme Einsparungen liessen sich alleine erzielen, wenn bessere Automatisierungen möglich würden zwischen den Einstellungen der Infusionspumpen und den Einträgen dazu ins Patientendossier. Kurz: Richtig effizient würde ein EPD aus Sicht der Pflege erst, wenn dort auch die Informationen der Medtech-Geräte direkt einfliessen könnten.


5. Telemedizin-Gemeinschaften

Telemedizin, das bedeutet bislang eins zu eins. Auf der einen Seite ein Patient, auf der anderen ein Arzt (oder Apotheker oder Pflegeprofi). Nach den Erfahrungen der Expertinnen aus San Francisco gäbe es einen grossen Bedarf an virtuellen Gruppen von Patienten, die etwa zur gleichen Zeit oder/und ähnlichen Befunden aus einer Klinik entlassen wurden.

6. Tools, die den Durchblick bei den Kosten schaffen

Hier ist die Lage in der Schweiz zwar grundsätzlich anders, da mehr über die Kassen läuft – dennoch: Das Problem, dass die Patienten die Arztrechnungen nicht verstehen, gehört auch hier zum Alltag. Der Vorschlag der befragten Gesundheitsprofis aus San Francisco sieht vor, dass das ideale Tool «on an ongoing basis» – also Schritt für Schritt sowie im Voraus – präsentiert, welche Kosten aufgelaufen sind beziehungsweise die als nächstes anstehen. Und zwar verständlich.

7. Schmerz-Management-Dashboard

Es gibt durchaus brauchbare Tools und digitale Helfer für den Umgang mit chronischen Schmerzen. Aber eine ausgefeilte Tafel, welche zweidimensional die Entwicklung und die Massnahmen festhält, und vor allem: die zugleich ins Patientendossier integriert wäre – dies würde bei Überwachung, Monitoring und Therapie viel bringen, so die Befragten.
Immer noch sei das Schmerzmanagement (und die Beobachtung der Schmerzen) ein fragmentierter Prozess, wo Patienten, Apotheker, Pflegefachleute und andere ihre Inputs unabhängig und oft unkoordiniert leisten.

8. Mehr Roboter!

Als Ruf nach mehr Robotern liesse sich eine weitere Gruppe von Wünschen zusammenfassen. Vor allem in zwei Bereichen wünschen die Pflegefachleute eine Verstärkung durch Geräte: beim ständigen Umlagern und Bewegen von Patienten (wobei auch Lösungen gewünscht würden, die dazu beitragen könnten, dass man die Patienten weniger häufig durch die Gänge rollen oder bewegen muss).
Und zweitens: Beim Handling des Abfalls. Denn dessen Entsorgung ist in den Kliniken immer noch weitgehend eine manuelle Tätigkeit.

9. Spezielle Apps für das Stationszimmer

Hier läuft eine Hauptschwemme der administrativen Aufgaben zusammen. Neben dem Bedürfnis nach einer allgemeinen Automatisierung des Papierkriegs (siehe oben, 4) wünschen die Befragten noch spezifische Angebote für die Stations-Pflegerinnen.
Denn diese werden mit unglaublich vielen Detail-Anforderungen konfrontiert und müssen oft mit Dutzenden Papieren jonglieren. Jedes Programm, dass hier Ordnung schafft – etwa indem es bei der Reihenfolge oder der Archivierung hilft – sei herzlich willkommen.

10. Programme zur Überwachung von klinischen Studien

Ob dieser Wunsch auch an einem Schweizer Uni-Spital gekommen wäre? Für die Pflegeteams nützlich wäre eine (ins EPD) eingebaute Information, ob ein Patient Teilnehmer einer klinischen Studie ist – und falls ja, was dies für die medizinische Betreuung im Spital bedeutet beziehungsweise worauf das Personal deswegen achten muss.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Auszeichnung für Sophie Ley und Yvonne Ribi

Das Führungsteam des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) wird für sein Engagement für die Pflege international geehrt.

image

Deshalb sind Temporär-Pflegende nicht immer beliebt

Es gibt gute Gründe fürs Pflegepersonal, sich nur noch temporär anstellen zu lassen. Aber es gibt auch ein paar Dinge, die dagegensprechen.

image

Viktor 2022 - neue Kategorien, neuer Austragungsort

Am 29. März 2023 wird der Viktor 2022 im Kursaal Bern verliehen! Die Nominationen der fünf Kategorien gehen Ende November los.

image

300 Pflegende springen monatlich ab

Gemäss dem Jobradar fehlt es an 14'828 Pflegenden. Das ist Rang eins. Ein Podestplatz, den der SBK lieber nicht hätte.

image

Das ist die neue Professorin für Pflegewissenschaft

Der Basler Universitätsrat hat Franziska Zúñiga Maldonado-Grasser zur neuen Professorin gewählt. «Innovation in Care Delivery» ist ihr Schwerpunkt.

image

Warum ein Gesundheitsökonom selber zum Unternehmer wird

Eine Million Betagte, die Betreuung brauchen: Das prophezeit der Gesundheitsökonom Heinz Locher. Er hat nun selber eine Betreuungsfirma.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.