Der Arzt, der «aus Liebe zum Sport» Athleten dopte

Ein 42-jähriger deutscher Allgemeinmediziner hat vor Gericht gestanden: 115 Mal hat er Langläufer und Velorennfahrer mit Eigenblut gedopt.

, 30. September 2020, 09:01
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Der Erfurter Arzt Mark Schmidt steht im grössten Doping-Prozess in Deutschland vor dem Landgericht München. Gedopt hat Mark Schmidt seine «Patienten», indem er ihr Blut zentrifugierte und so die Erythrozyten vom Blutplasma trennte. Die gewonnenen roten Blutkörperchen füllte er in Beutel ab und fror sie fürs spätere Blutdoping ein.

50 Blutbeutel im Tiefkühler

In Schmidts Gefrierschrank fand die Polizei rund 50 Blutbeutel von zehn Sportlern. Sie erhielten ihre Erythrozyten jeweils kurz vor ihren Langlauf- oder Velorennen wieder zurück und konnten damit mehr Leistung erzielen, weil dieser Blutbestandteil für den Sauerstoff-Transport sorgt.
Schmidt wurde verhaftet, nachdem seine Doping-Praktiken im Februar 2019 aufflogen. Damals schickten deutsche und österreichische Ermittler im Rahmen der «Operation Aderlass» 80 Polizisten an die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld im Tirol und nahmen dort auch gleich fünf Langläufer in Gewahrsam – einer von ihnen hing noch an der Nadel im Arm.

Eine Pflegefachfrau half beim Dopen

Bekannte Kunden des Erfurter Arztes waren Langläufer wie die beiden Österreicher Dominik Baldauf und Johannes Dürr sowie der Kasache Alexei Poltaranin. Aber auch die österreichischen Velorennfahrer Stefan Denifl und Georg Preidler sowie die Mountainbike-Fahrerin Christina Kollmann wurden von ihm «betreut».
Mark Schmidt schickte manchmal auch Helfer mit Blutbeuteln an die Wettkampforte der Athleten. Einmal musste eine Pflegefachfrau ins Südtirolische Toblach fahren. Dort verabreichte sie das Blut drei Spitzenlangläufern, die an der Weltcup-Serie Tour de Ski teilnahmen. Nach dem Wettkampf zapfte sie es wieder ab – fürs nächste Mal.

Transfusionen auf dem Parkplatz

Zu den Helfern, die nun vor Gericht stehen, gehören neben der Pflegefachfrau auch ein Notfallsanitäter, ein Bauunternehmer und der Vater des Arztes, ein Rechtsanwalt. Sie alle haben bei Bedarf das Blut nicht nur transportiert, sondern auch gleich selber verabreicht. Die Bluttransfusionen erfolgten ziemlich improvisiert: Im Hotelzimmer oder im Auto auf einem Parkplatz.
Die Bluttransfusionen folgten manchmal ziemlich schnell aufeinander: Weil die Langläufer auf dem Flug zu den olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang ihre Blutbeutel nicht im Gepäck mitnehmen konnten, verabreichte Schmidt ihnen das Blut kurz vor dem Flug. Gleich nach der Landung wurde es ihnen wieder abgezapft. Und vor dem Wettkampf wieder reingelassen.

Doping kostete 5000 Euro pro Saison

Sein Doping bezeichnete der geständige Schmidt vor Gericht als «Angebot von hoher Qualität». Geld verdienen wollte er damit aber offenbar nicht. In seiner Praxis habe er 11 000 Euro pro Monat verdient. Von den Sportlern verlangte er 5000 Euro Pauschalhonorar pro Saison. Das habe nur die Unkosten gedeckt: Beutel, Nadeln, Zusätze, die Geräte zum Aufbereiten und Abfüllen des Bluts, Flüge, Hotels und Honorar für die Helfer.
Mark Schmidt habe das Blutdoping «gewerbsmässig», zum Teil sogar «bandenmässig» betrieben, ist hingegen der zuständige Oberstaatsanwalt überzeugt. 115 Fälle hat der Arzt gestanden. Mark Schmidt sitzt seit 19 Monaten in Untersuchungshaft. Er ist selber ein begeisterter Sportler. Der Facharzt für Allgemeinmedizin arbeitete in der Praxis der Mutter und begann seine Sportarzt-Karriere als Betreuer von deutschen Velo-Teams.

«Aus meiner Sicht unverzichtbar für den Erfolg»

Befragt nach dem Grund für seine Taten sagte er vor Gericht: «Wahrscheinlich war meine Antriebsquelle meine Liebe zum Sport.» Seine Haltung zu Doping: «Aus meiner Sicht ist es unverzichtbar, wenn man auf Dauer erfolgreich sein will.» Und er ist überzeugt, dass die Nachfrage das Angebot schaffe. Und nicht umgekehrt.
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