Das wissenschaftliche Andenken an Anita Kurmann

Ein Team von 17 Wissenschaftlern veröffentlichte heute einen Aufsatz, der unter der Leitung der verunglückten Schweizer Ärztin entstanden war.

, 23. Oktober 2015, 13:23
image
  • endokrinologie
  • ärzte
  • insel gruppe
Es war ein schwerer Schlag – auch für die medizinische Forschung: Im August wurde die Enokrinologin Anita Kurmann in Boston auf dem Velo von einem Truck erfasst; sie verstarb noch auf der Unglücksstelle.
Die Schweizer Ärztin hatte seit drei Jahren im Beth Israel Deaconess Medical Center sowie am Center for Regenerative Medicine (CReM) der Universität Boston gearbeitet; in beiden Institutionen galt sie als wichtige Nachwuchshoffnung. Am Ende dieses Jahres hätte Kurmann als Chefärztin Endokrinologie ans Inselspital zurückkehren sollen – um in Bern sowohl mit Patienten zu arbeiten als auch ein eigenes Labor in der Schilddrüsenforschung aufzubauen.
Jetzt ist ihre wissenschaftliche Hinterlassenschaft erschienen. Ein Team von 17 Forschern veröffentlichte heute einen Aufsatz, der unter Kurmanns Leitung entstanden war und wichtige neue Einsichten ins Wachstum von Schilddrüsen bietet.

Anita A. Kurmann, Maria Serra, Finn Hawkins et al.: «Regeneration of Thyroid Function by Transplantation of Differentiated Pluripotent Stem Cells», in: «Cell Stem Cell», Oktober 2015-10-23

Die Studie erschien im Fachorgan «Cell Stem Cell», und Anita Kurmann hatte erst wenige Tage vor ihrem Unglück erfahren, dass die Herausgeber der Veröffentlichung zugestimmt hatten.
Ihre Kollegen haben das Paper nun der Schweizer Kollegin gewidmet: «Sie war intelligent, belesen, freundlich, bescheiden und unermüdlich im Einsatz für ihre Patienten, ihre Forschung, ihre Familie und ihre Kollegen, die sie inniglich vermissen», schreiben Sie in einer Würdigung am Ende der Studie.

Ohne sie wäre dies niemals möglich gewesen

Das Forschungspapier zeichnet offenbar einen grossen Fortschritt bei der Einsicht, wie Stammzellen beim Schilddrüsen-Wachstum einwirken. Die Erkenntisse, die mit Kurmann als Ko-Forschungsleiterin erreicht wurden, könnten zum Beispiel beitragen zur Entwicklung einer zellbasierten Therapie für Krebspatienten, deren Schilddrüse entfernt werden musste.
Ohne Anita Kurmanns chirurgische Fähigkeiten wäre diese Studie niemals möglich gewesen, sagte Anthony Hollenberg vom Beth Israel Deaconess Medical Center anlässlich der Veröffentlichung zur Radiostation WBUR Boston.
Auch Darrell Kotton, der Direktor des Bostoner CReM, nahm im Radio nochmals Stellung:  «Ich spreche nicht allein über die Trauer, die man empfindet, wenn man plötzlich jemanden so Nahestehendes verliert. Sondern in Anitas Fall kommt man nicht umhin, auch den Verlust eines so grossen Potentials zu betrauern – und den Verlust von so vielen wissenschaftlichen Einsichten, die sie der Welt noch geboten hätte.»
Kurmann hatte bis 2012 an der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin des Inselspitals gearbeitet. Vor drei Jahren wechselte sie nach Boston, um sich an der Schilddrüsen-Forschung von BIDMC und CReM zu beteiligen.


Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Rega will trotzdem ins Wallis

War es ein abgekartetes Spiel? Die Rega ortet jedenfalls «grobe Mängel» beim Entscheid, dass sie im Wallis nicht retten darf.

image

So entscheiden Hausärzte einfacher über Antibiotika

Jedes zweite Antibiotika-Rezept wäre unnötig. Die Behörden versuchen deshalb, übereifrige Hausärzte mit Merkblättern zu bremsen.

image

Kinderarzt kritisiert: Zu viel Alarm nur wegen Schnupfen

Immer mehr Eltern überfüllen Notfälle und Praxen – nur weil ihr Kind Schnupfen hat. Ein Kinderarzt fordert mehr Geduld.

image

Deutsche Hausärzte haben zu viel Cannabis verordnet

In Deutschland wollen die Krankenkassen den boomenden Cannabis-Verschreibungen einen Riegel schieben. Hausärzte sollen gebremst werden.

image

Markus Lüdi wechselt von Bern nach St.Gallen

Markus Lüdi wird Chefarzt Anästhesiologie am Kantonsspital St.Gallen. Er tritt damit die Nachfolge von Thomas Schnider an.

image

Komplementärmediziner blitzen mit Beschwerde gegen «NZZ» ab

Homöopathen müssen sich gefallen lassen, dass sie als mitverantwortlich für die Impfskepsis gelten. Die «NZZ» durfte das schreiben.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.