Covid-19: «Ist die Forschung auf dem richtigen Weg?»

Randomisierte Studien zu nicht-pharmazeutischen Massnahmen bei Covid-19 sind rar: Es gibt 100-mal mehr Studien zu Impfungen und Medikamenten. «Ein krasses Missverhältnis», findet ein Epidemiologe.

, 8. September 2021, 19:18
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«Wir bräuchten mindestens 400 solcher Studien zu Covid-19 – nicht nur 40», findet Lars G. Hemkens vom Institut für klinische Epidemiologie und Biostatistik des Universitätsspitals Basel.
Zusammen mit seinem Team hat er rund 40 geplante randomisierte Studien zu nicht-pharmazeutischen Interventionen für Covid-19 untersucht. 
Untersucht wurden in den randomisierten Studien hauptsächlich Schutzausrüstung, Covid-19-bezogene Informations- und Aufklärungsprogramme, Zugang zu Massenveranstaltungen unter spezifischen Sicherheitsmassnahmen, Test- sowie Screeningstrategien und Hygienemanagement.

Wenig randomisierte Studien zu nicht-pharmazeutischen Massnahmen 

Es gebe viel zu wenig verlässliches Wissen dazu, welche Strategien zur Prävention von Covid-19 jenseits von Medikamenten und Impfungen denn die besten seien, schreibt Hemkens auf Anfrage. «Den rund 40 Studien stehen mehr als 4000 Studien bezüglich Impfungen und Medikamenten gegenüber – das ist schon ein krasses Missverhältnis.»
Ihm sei schon früh aufgefallen, so der klinische Epidemiologe, dass weltweit in noch nie dagewesenem Tempo extrem viele randomisierte Studien zu Covid-19 geplant und gestartet wurden. Er und sein Team hätten sich dann gefragt: «Ist die Forschung auf dem richtigen Weg, stellt sie die richtigen Fragen?» Auffällig sei nämlich schon zu Beginn gewesen, dass kaum mit zuverlässigen randomisierten Studien zu den sozialen und Public Health Massnahmen geforscht worden sei – allein zu einzelnen Medikamenten gegen Sars-CoV-2 habe es jedoch etliche solche Studien gegeben, konstatiert Hemkens und nennt als Beispiel das Malariamittel Hydroxychloroquin. 
Die meta-epidemiologische Analyse von Lars G. Hemkens und seinem Forschungsteam ist Teil des Projekts «Covid-evidence». Die frei zugängliche, laufend aktualisierte Datenbank soll Aufschluss geben über Studienevidenzen zu Nutzen und Schaden von Interventionen bei Sars-CoV-2-Infektionen. «Wir wollen einen Einblick in die Forschungsagenda zu Covid-19 geben und denjenigen, die neue Covid-Studien planen oder die sie als Forschungsförderer unterstützen, eine Orientierungshilfe an die Hand geben, etwa um zu sehen, wie Synergien möglich sind», so Hemkens.
«Covid-evidence» ist eine Non-Profit-Initiative des Departements für Klinische Forschung der Universität Basel und des Meta-Research Innovation Center in Stanford. Finanziert wurde die Datenbank vom Schweizerischen Nationalfonds. 
Gemäss der Analyse von Hemkens und seinem Team stehen lediglich die Ergebnisse von sieben der rund 40 randomisierten Studien zu nicht-pharmazeutischen Interventionen als Grundlage für politische Entscheidungen zur Verfügung. «Die Politik bekommt für solche Fragen schlicht nicht optimale Entscheidungsgrundlagen und dann entstehen Diskussionen und Sorgen, die sich vermeiden lassen, wenn wir wirklich gute klare Evidenz hätten», so der Studienleiter.

«Es braucht eine gezielte, grossangelegte langfristige Forschungsagenda» 

Es sei leider nicht gelungen, die besten Strategien zur Prävention von Covid-19 in Schulen, am Arbeitsplatz, in Pflegeheimen und anderen stark betroffenen Einrichtungen zu finden. «Wir wissen nicht, was der beste Weg ist und bei einigen Massnahmen kann man auch nicht verlässlich sagen, wieviel sie nutzen oder schaden.»
Hemkens ist überzeugt, dass randomisierte Studien zu nicht-pharmazeutischen Massnahmen viele Diskussionen beenden und viele Sorgen sowie Unsicherheiten vermeiden würden. «Es braucht nun dringend eine ganz gezielte, grossangelegte langfristige Forschungsagenda dazu, wie man randomisierte Studien schafft, die Interventionen auf Verhaltens-, Umwelt-, Sozial- und Systemebene untersuchen.»
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