«Wir müssen den Pflegeberuf in das Bewusstsein der Männer ziehen»

Christian Beck leitet die Station Gastroenterologie und Hepatologie am Kantonsspital St. Gallen. Im Interview spricht der 33-jährige Pflegeprofi über Männer im Pflegeberuf, was er von der Akademisierung hält und was ihn als Führungsperson beschäftigt.

, 21. August 2017, 08:10
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Was bereitet Ihnen als Stationsleiter schlaflose Nächte?
Es gibt sicher gewisse Themen, die eine Führungsperson mehr beschäftigen als andere, insbesondere das Thema Personal im Bereich Pflege. Schlaflose Nächte habe ich deswegen aber nie.
Mit welchen Themen werden Sie als Führungskraft vor allem beansprucht?
Die Geschwindigkeit im Pflegealltag des Akutspitals hat sich seit ein paar Jahren erhöht – unter anderem durch die Konzentration auf Fallpauschalen. Das wirkt sich auf die Arbeit der Pflegefachleute aus. Konkret: Meine Mitarbeitenden sind verstärkt in der Diagnostik und Therapie eingebunden. In der Folge äussern sie vermehrt, dass ihnen die Zeit für die Patienten fehle. Viele Pflegende in einem Akutspital erleben sich in einer ausführenden Funktion: Vor- und Nachbereitung von Untersuchungen und Eingriffen, Blutentnahmen, Infusionen, Wundverbände, Injektionen und so weiter. Obwohl diese Tätigkeiten zur Pflege gehören, muss es in der Pflege meiner Meinung nach primär um die Auseinandersetzung mit dem Patienten, mit seinem Erleben und den Auswirkungen der Erkrankungen gehen. Das Pflegerische komme zu kurz, lauten dann die Empfindungen, die meine Leute bei mir deponieren. Meine Aufgabe besteht dann darin, aufzuzeigen, wie sie in diesem Spannungsumfeld trotzdem den unterschiedlichen Anforderungen entsprechen können.
Schätzungsweise 90 Prozent der Mitarbeitenden in der Pflege sind weiblich. Wären mehr Männer im Beruf womöglich die Rettung im Pflegenotstand?
Als «die Rettung» würde ich die Männer nicht bezeichnen. Sie könnten jedoch sicherlich einen erheblichen Beitrag leisten. Wir müssen das Berufsfeld der Pflege mehr in das Bewusstsein der Männer ziehen. Ich denke da an Teenager, die vor der Berufswahl stehen oder Männer, die nach einer Erstausbildung an eine Umschulung denken. So wie ich. Ich habe zuerst eine Lehre als Automatiker absolviert.

«Hier sind vor allem die Pflegefachmänner gefordert. Sie müssen sich in der Gesellschaft zeigen und über ihren Beruf sprechen.»

Was ist ein Schritt in die richtige Richtung, damit mehr Männer in den Pflegeberuf einsteigen?
Männer in der Pflege haben meistens bereits einen Bezug zu Personen, die im Sozial- und Gesundheitswesen arbeiten. Familienmitglieder, Kollegen oder Menschen, die näher dran sind. Dieses Wissen müssen wir nutzen. Hier sind vor allem die Pflegefachmänner gefordert. Sie müssen sich in der Gesellschaft zeigen und über ihren Beruf sprechen. Wir sollten versuchen, den Beruf auf das Radar der Buben zu bringen. Ein Beispiel dafür ist der St. Galler Boys’Day der FH St. Gallen. Berufspolitisch interessant ist es zudem, Pflege- und Spitalberufe vermehrt in die Schulen zu tragen: zum Beispiel mit offiziellen Schnuppertagen für alle – begleitet durch den Lehrer.
Welche Rolle spielen für Männer Dienstpläne, Entlöhnung oder Karrierewege in der Pflege?
Ich glaube nicht, dass unser Beruf auf Grund einer dieser Punkte für Männer unattraktiv erscheint. Auch männerdominierte Berufe wie Polizei und Feuerwehr arbeiten im Schichtdienst. Männer haben zudem sehr gute Chancen im Pflegebereich Karriere zu machen, weil Sie anders als Frauen oftmals in höheren Pensen und länger arbeiten. Und schliesslich ist auch die Entlöhnung gut. Natürlich ist eine höhere Bezahlung immer eine Möglichkeit, einen Beruf generell attraktiver zu gestalten. Ich persönlich favorisiere jedoch Ansätze, welche beispielsweise der SBK mit der Pflegeinitiative verfolgt. Ein zentraler Punkt für Männer ist hierbei zum Beispiel die Erhöhung der Entlohnung für Personen, welche sich für die Pflege als eine Zweitausbildung entscheiden.
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    Christian Beck

    Stationsleiter Kantonsspital St. Gallen (KSSG)

    Christian Beck startete vor 12 Jahren als Pflegefachmann beim Kantonsspital St. Gallen (KSSG). Seit 2012 ist der 33-Jährige Stationsleiter Gastroenterologie und Hepatologie im KSSG. Beck verfügt über einen Bachelor in Nursing und einen MAS in Management of Healthcare Institutions. Vor seiner Ausbildung zum Dipl. Pflegefachmann HF absolvierte er eine Lehre als Automatiker bei der ehemaligen Firma Unaxis.

«Leider stellt sich hier die Pflege selber in den Schatten. Ich vermute, es steckt ein gewisser Identitätsverlust dahinter.»

Und was hat es mit dem jahrzehntealten Image der «Krankenschwester» auf sich? Ist das nicht etwas abschreckend für Männer?
Ja. Das wirkt sich ganz sicher immer noch auf die Wahrnehmung des Berufes aus. Ich erlebe leider immer wieder, dass Pflegefachpersonen im Akutspital ihre Aufgabe lediglich in der Ausführung der ärztlichen Verordnung sehen. Und das ist halt weniger attraktiv, weil der Handlungs- und Entscheidungsspielraum eingeschränkt ist. Wenn Sie sich mit Arbeitszufriedenheit auseinandersetzen, ist das ein wichtiges Kriterium.
In den Niederlanden geniesst die Pflege ein hohes Ansehen. Wie beurteilen Sie das Image Ihrer Berufsgattung?
Die Pflege ist in der Patientenbetreuung in einem Spital enorm wichtig. Vieles läuft über und nur dank diesem Bereich. Leider stellt sich hier die Pflege selber in den Schatten. Ich vermute, es steckt ein gewisser Identitätsverlust dahinter. Hier müssen wir rauskommen. Wir sollten unsere Leistungen aufzeigen, ausweisen – und darüber sprechen. Dazu gehört, dass wir systematisch arbeiten und dokumentieren. Die Investition in diese teils administrative Arbeit lohnt sich – für den Patienten und für uns als Berufsgruppe.
Das Ansehen steigt auch dank akademischen Ausbildungen. Wie stehen Sie zur Akademisierung im Pflegeberuf?
Positiv. Ich habe das Gefühl, es bringt einen deutlichen Mehrwert für die Pflege. Angloamerikanische und nordische Länder oder eben die Niederlande kennen diesen Ausbildungsweg seit mehreren Jahrzehnten. Es ist viel zu lange gegangen, bis die Schweiz mit Bachelor, Master oder auch PhD nachgezogen hat. Es gibt deutliche Vorteile. Für mich war dieser Weg ein Schlüsselpunkt in meiner beruflichen Laufbahn.
Inwiefern?
Es hat mein Pflegeverständnis erweitert. Methodisch und fachlich hat mich das Pflegestudium enorm vorwärtsgebracht. Ich arbeite jetzt anders mit den Patienten. Meinen Leuten sage ich aber immer: Wählt nicht den akademischen Weg, um euch vom Patienten zu entfernen. Wir benötigen auch akademisch ausgebildete Pflegeprofis an der Front.

«Es stellt sich halt generell die Frage, anhand welcher Kriterien die Geschäftsleitung zusammengestellt wird?»

Letzte Frage: Wie hätten Sie die oberste Führung der Insel Gruppe überzeugt, den Bereich Pflege in der Geschäftsleitung zuzuordnen? (mehr hier
Das ist ein hoch emotionales Thema. Die Pflegefachpersonen befürchten – wahrscheinlich berechtigt –, dass über sie bestimmt wird, wenn ein Arzt ihren Bereich vertritt. Aus meiner Sicht sollte es aber nicht um die Frage gehen, wer hat Macht über wen oder wer muss vertreten sein? Nebensächlich, ob jetzt die Pflege über den grössten Personalanteil verfügt. Entscheidend ist, dass es fähige Leute sind, die das Geschäft führen. Gute Persönlichkeiten mit entsprechenden Branchenkenntnissen und Qualifikationen. Es stellt sich halt generell die Frage, anhand welcher Kriterien die Geschäftsleitung zusammengestellt wird? Die Diskussion erinnert mich an eine Quote, bei welcher es nicht um die besten Personen, sondern um Macht geht. Kurz: Bei der Insel Gruppe müssen vor allem die Befürchtungen der Bereiche ernst genommen werden. Eine Patentlösung habe ich jedoch nicht.
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