425'000 Franken für einen Orthopäden…

… und 210'000 Franken für einen Internisten: Eine Studie mit zehntausenden Daten zeigt, was Ärzte in den USA derzeit verdienen. Ans Licht kommt dabei auch, wer zufrieden ist mit seinem Beruf – und wer Frust hat.

, 6. April 2016, 06:57
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Die Zahlen hier sind nicht nur interessant, wenn man als Arzt vom Auswandern nach Amerika träumt: Sie besagen angesichts des liberalen Gesundheitssystems dort auch allerhand über die Wirtschaftskraft der einzelnen Fachrichtungen. Und zugleich Vieles über die Zufriedenheit der medizinischen Spezialisten – abhängig oder unabhängig von der Entlöhnung.
Es geht um eine grosse Erhebung unter tausenden Ärzten in den USA, erarbeitet von der Medizinplattform «Medscape». Befragt wurden dabei über 19'000 Mediziner aus 26 Fachgebieten.

«Medscape Physician Compensation Report», April 2016.

Als Topverdiener entpuppten sich wie im Vorjahr die Orthopäden mit 443'000 Dollar Durchschnittsgehalt, gefolgt von den Kardiologen (410'000 Dollar) und Dermatologen (381'000 Dollar); diese konnten gegenüber dem Vorjahr die Gastroenterologen (380'000 Dollar) vom Bronzeplatz stossen.
Am Schluss der Tabelle landeten die Kinderärzte (204'000 Dollar), und wie auch in der Schweiz waren Allgemeinmediziner und Hausärzte mit Einnahmen im Bereich von 210'000 bis 220'000 eher unter denen, die nicht so gut verdienten.
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Was verdienen Ärzte insgesamt? — Bruttolohn vor Steuern; bei Selbstständigen Bruttoeinnahmen nach Geschäftsauswand.
Die meisten amerikanischen Ärzte vermeldeten gegenüber dem Vorjahr eine Verbesserung ihrer Einnahmen – wobei die grössten Sprünge bei den Rheumatologen, Internisten und Nephrologen einsetzten.
Wobei natürlich auch in Übersee ein grosser Graben zwischen den Geschlechtern klafft: Männliche Grundversorger, so die «Medscape»-Daten, verdienen fast 30'000 Dollar mehr als die Kolleginnen (225'000 gegenüber 192'000). Bei den Spezialisten ist der Unterschied prozentual noch etwas grösser – hier verdienen die Männer im Schnitt 324'000, die Frauen 242'000 Dollar.
Insgesamt – über alle Fachrichtungen – verdienten die US-Ärztinnen laut der aktuellen Erhebung 24 Prozent weniger als die Ärzte. Immerhin vermeldet «Medscape» eine stetige Annäherung: Die Löhne der Frauen stiegen seit 2012 in jedem Erfassungsjahr etwas deutlicher an als die Vergütungen der Männer. 
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Quelle: Medscape Compensation Report 2016
Eine Rolle spielt dabei natürlich, dass die Frauen in den Top-Verdiener-Fachgebieten besonders selten vertreten sind. Man nehme nur die beiden bestbezahlten Felder: In der Orthopädie beträgt der Ärztinnen-Anteil gerade mal 9 Prozent. Und der Kardiologie liegt die Frauen-Quote bei 12 Prozent.
Im weiteren schnitten die selbstständigen Ärzte deutlich besser ab: Niedergelassene Grundversorger in den USA verdienten letztes Jahr im Schnitt 229'000 Dollar, verglichen mit 207'000 Dollar bei den Angestellten. Bei den Spezialisten war der Graben etwas weiter: Hier erhielten angestellte Ärzte 274'000 Dollar, die Selbstständigen holten 348'000 Dollar im letzten Jahr.

Warum sind eigentlich die Dermatologen so happy?

Wichtig dabei, dass es nur wenig Parallelen zwischen Lohnsumme und Zufriedenheit gibt. Insgesamt betrachteten etwas mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent) ihre Honorierung als fair – was kein besonders hoher Anteil ist.
Am zufriedensten zeigten sich die Dermatologen (66 Prozent). Auch Pathologen (63 Prozent) und Notfallmediziner (60 Prozent) fanden ihre Einnahmen ziemlich okay.
Auch die Job-Zufriedenheit fiel bei den Dermatologen am höchsten aus (65 Prozent), gefolgt von Onkologen (59 Prozent) und Psychiatern (58 Prozent). Wie beim Lohn, so hält sich bei den Hautärzten auch die grosse Zufriedenheit mit der allgemeinen Berufssituation seit Jahren. Zur Erklärung zitiert «Medscape» Gary Goldenberg, einen Dermatologen der Icahn School of Medicine: «Ich denke, das ist, weil unsere Patienten oft gut auf die Behandlung ansprechen. Zudem sind wir an der Spitze der Früherkennung vieler Krankheiten und bei der Krebsprävention.»
Eher unzufrieden waren dagegen Nephrologen, Internisten, Endokrinologen und Allergologen – was mit Ausnahme der Endokrinologen eher Spezialisten sind, deren Entlöhung im mittleren Bereich liegt. 
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Was ist der schönste Aspekt Ihres Berufes? — Antworten von 19'200 Ärzten.
Bemerkenswert ist nun, dass die seit 5 Jahren durchgeführte Report doch schleichende Entfremdung auszudrücken scheint. Befragt, ob sie wieder den Medizner-Beruf wählen würden, antworten jedes Jahr weniger der Ärzte mit einem Ja – und jedes Jahr würden auch weniger der Befragten ihr Fachgebiet werden.
Die Quote jener, die nochmals ein Medizinstudium beginnen würden, sank von 69 Prozent im Jahr 2011 auf 64 Prozent in der neusten Umfrage.
Und vor allem: Die Gruppe jener, die nochmals ihr Fachgebiet wählen würden, schrumpfte von 61 auf 45 Prozent. 
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Würden Sie dasselbe Fachgebiet nochmals wählen? Antworten in der «Mescape»-Umfrage 2016
Wie erklärt sich das? Ein Ansatz dürfte bei den Allgemeinpraktikern liegen, die zunehmend unzufrieden erscheinen mit ihrer Berufs- und Lohnsituation – und damit auch die Gesamtwerte nach unten drücken: Nur noch 25 Prozent der Internisten und 29 Prozent der Hausärzte sagten in der aktuellen Umfrage aus, dass sie nochmals Grund-Versorger werden würden. Und alleine aufgrund ihrer Grösse hat diese Gruppe natürlich erheblichen statistischen Niederschlag.
Auf der anderen Seite sagen die Hausärzte und Allgemeinpraktiker mit einer besonders hohen Mehrheit aus, dass sie erneut das Medizinstudium ergreifen würden. 

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