Komplementärmediziner blitzen mit Beschwerde gegen «NZZ» ab

Homöopathen müssen sich gefallen lassen, dass sie als mitverantwortlich für die Impfskepsis gelten. Die «NZZ» durfte das schreiben.

, 14. Dezember 2022, 09:24
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Bild: Pixelio, Britta Cornelsen
Vor einem Jahr veröffentlichte die «NZZ» einen Artikel mit dem Titel: «Impfempfehlung? Nein, dazu können sich Schweizer Homöopathen nicht durchringen». Im Untertitel stand: «Alternativmediziner gelten als mitverantwortlich für die Impfskepsis. Während ihre Kollegen in Deutschland für die Corona-Vakzine werben, bleiben die Homöopathen und anthroposophischen Ärzte hierzulande stumm.»

Komplementärmediziner wehrten sich

Diesen Vorwurf an die Schweizer Homöopathen wollte die Union Schweizerischer komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen nicht auf sich sitzen lassen. Sie erhob Beschwerde beim Schweizer Presserat und wollte erreichen, dass die «NZZ» das nicht mehr schreiben darf.
Konkret beanstandete die Union Folgendes: Die Zeitung wies auf die vergleichsweise tiefe Impfquote in der Schweiz hin und darauf, dass die Gründe «auch bei der Popularität der Alternativmedizin» hierzulande gesehen werden können. «Fast 10 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer versuchen sich laut einer Umfrage aus dem Jahr 2014 mit Globuli zu kurieren – obwohl es keinerlei wissenschaftliche Evidenz gibt, dass homöopathische Mittel besser wirken als Placebo. Manche, wenn auch nicht alle Anhänger der ‹sanften Medizin› sind gegenüber der evidenzbasierten Medizin skeptisch. Und damit anfällig für Verschwörungstheorien über den angeblichen Schaden der Covid-19-Impfung.»

Deutsche Homöopathen empfahlen Impfung

Aufgrund all dessen, so der Artikel weiter, könnten die Anbieter von alternativen Heilmethoden eine entscheidende Rolle spielen, indem sie «ihren Kundinnen und Kunden die Impfung explizit empfehlen». Das sei etwa in Deutschland ausdrücklich so geschehen, in der Schweiz suche man aber vergeblich nach einer entsprechenden Stellungnahme.
Die Union Schweizerischer komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen hielt dagegen, dass die Behauptung des NZZ-Journalisten, es gebe keinen Beweis, dass alternative Heilmittel wirksam seien, falsch sei, denn es gebe Studien, die das belegten.

Empfänglicher für Verschwörungstheorien?

Zweitens sei die Behauptung, wonach Befürworter der Komplementärmedizin empfänglich seien für Verschwörungstheorien, eine rein subjektive Behauptung des Autors, die allenfalls in einem Kommentar Platz finden könne.
Es gebe im Übrigen auch Studien, die belegten, dass es keinen Zusammenhang gebe zwischen der Verwendung von Homöopathika und der Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

Pressrat entschied nicht über Wissenschaftsstreit

Aus diesen wissenschaftlichen Diskussionen hielt sich der Presserat heraus. «Der Presserat entscheidet nicht, ob Alternativmedizin wirksam ist oder nicht. Er prüft nur, ob ein Text den Anforderungen der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» entspricht.»
Trotzdem wies das Gremium die Beschwerde ab. Die «NZZ» schrieb offenbar nichts Falsches. Der Presserat begründet das so: «Es gibt zwar wissenschaftliche Stimmen, die von einer Wirksamkeit bestimmter homöopathischer Therapien ausgehen. Umgekehrt ist das Papier des Wissenschaftsrates der Europäischen Akademien ein ebenso klarer Beleg für die gegenteilige wissenschaftliche Sicht, wonach «keine Krankheiten bekannt seien, die auf solide belegbare, reproduzierbare Weise mit homöopathischen Mitteln wirksam bekämpft werden können».

Es gibt Belege dafür und dagegen

Auch für die Feststellung, dass Befürworter der Komplementärmedizin empfänglicher für Verschwörungstheorien seien und sich seltener impfen liessen, gebe es einerseits Belege, die für, aber auch solche, die gegen die Thesen sprechen. Die «NZZ» habe deshalb auch in diesem Punkt nichts Falsches veröffentlicht.
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