Die leise Macht der Vorurteile in der Medizin

Wenn etwas schief geht, ist die Chirurgin schuld – aber nicht der Chirurg: Eine Studie übers Verhältnis von Zuweisern und Fachärzten (respektive Fachärztinnen) bringt Paradoxes ans Licht.

, 1. Dezember 2017 um 08:03
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Gut möglich, dass Frauen die besseren Chirurgen sind. Jedenfalls erschienen in letzter Zeit mehrere Studien, welche diesen Verdacht nahelegen (siehe dazu hierhier und hier). Nun kommt aber eine andere Untersuchung aus den USA, die sich zusammenfassen lässt mit dem Satz: Es würde wenig nützen, wenn es so wäre. Denn die Kollegen haben immer noch ganz tiefe Zweifel.
Konkret besagen die Daten der Harvard-Ökonomin Heather Sarsons, dass Chirurginnen viel eher abgestraft werden, wenn sie einen Fehler machen. Die Hausärzte weisen ihnen dann spürbar seltener Patienten zu. Geschieht dasselbe aber einem männlichen Chirurgen, so hat dies keine klaren Folgen auf Seiten der Zuweiser.


Der Verdacht liegt also nahe, dass die Mediziner bei einem Mann eher annehmen, dass andere Ursachen schuld waren am unerfreulichen Resultat. Wenn aber eine Frau im OP war, dann macht man eher sie persönlich verantwortlich.
Das Muster spielt auch umgekehrt, und das macht die Sache dann vollends paradox: Wenn die Patienten eines zuweisenden Arztes mit Erfolg operiert wurden, dann weisen die Ärzten diesen Chirurgen mit höherer Kadenz weitere Patienten zu. Bei Frauen aber liess sich dieser Effekt nicht festmachen.

Die Umstände sind stärker – manchmal

Zusammengefasst drängt sich also der Verdacht auf, dass in etwa folgendes Muster in den Köpfen der Mediziner noch weit verbreitet ist: 

  • Wenn eine Operation schlecht verläuft, dann ist die Chirurgin schuld – oder aber die Umstände (wenn ein Mann operiert hat).
  • Wenn sie erfolgreich ist, dann dank der Leistung des Chirurgen – oder aber wegen der Umstände (wenn eine Frau operiert hat).

Heather Sarsons baute ihre Studie auf Statistiken des öffentlichen Medicare-Systems in Amerika. Die Daten dort zeigen nicht nur an, welcher Arzt welche Operationen durchgeführt hat, sondern auch, von wem die Patienten zugewiesen worden waren. In einem weiteren Schritt untersuchte sie die Entwicklung von knapp 266'000 Beziehungen von Zuweisern und Chirurgen, bei denen es nach der Operation zu Problemen kam; ferner von 302'000 Hausarzt-Chirurgen-Beziehungen, wo die Operationen am Ende gute Resultate zeitigten.

Bad outcome? Bad luck.

«Die Ärzte erhöhen ihre Zuweisungen an einen männlichen Chirurgen, nachdem ihre Patienten gute Resultate erlebt hatten, deutlicher als ihre Zuweisungen an eine Chirurgin», fasst die Harvard-Ökonomin an einer Stelle zusammen. «Nach einem schlechten Ergebnis weisen sie seltener an eine Chirurgin zu, was bei männlichen Chirurgen nicht so der Fall ist.»
Obendrein scheinen die Erfahrungen der Zuweiser mit einer Chirurgin auch ihre Einstellungen zu anderen Ärztinnen im gleichen Fachgebiet zu färben. Also: Wenn auf eine Fachärztin ein «bad outcome» entfiel, übersandten die betroffenen Zuweiser ihre Patienten seltener an andere Ärztinnen dieser Spezialität. Aber, so Sarsons: «An experience with a male surgeon has no impact on a physician’s behavior toward other male surgeons.»


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