Äpfel, Birnen und EFAS: Warum die Reform an der Realität vorbeigeht

Der Staat zwingt uns, 20 Prozent mehr ambulant zu behandeln. Dann beschwert er sich, dass die ambulanten Kosten um 20 Prozent gestiegen sind. Willkommen bei EFAS.

Gastbeitrag von Patrick Vavken, 15. Dezember 2025 um 14:23
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Am 24. November 2024 wurde die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen angenommen. Ab 2028 zahlen Kantone und Krankenkassen gemeinsam nach demselben Schlüssel. Die Reform war überfällig. Das alte System hatte absurde Fehlanreize:
  • Der Staat zahlte bei stationär die Hälfte, bei ambulant nichts, also wollte er mehr ambulant.
  • Die Versicherer zahlten bei stationär nur die Hälfte, also wollten sie mehr stationär.
  • Wir Leistungserbringer bekommen, was der Staat erlaubt. Nicht mehr, nicht weniger.
Jetzt kommt EFAS und soll das beheben. Schön. Aber hier ist das Problem, über das niemand spricht: Die ambulanten Tarife sind viel zu tief. Vor kurzem gab es einen Artikel mit der Chefin des Versichererverbands in der NZZ. Frage: Sind die ambulanten Tarife kostendeckend? Antwort: Ja, alles gut. Das stimmt einfach nicht.
Patrick Vavken ist Orthopäde an der Alphaclinic Zürich und Adus Klinik mit Spezialgebiet Schulter- und Ellenbogenchirurgie. Er ist ausserdem Gründer von Vavken Health Labs, einem Think Tank für mehr Gesundheit auf allen Ebenen — von persönlicher Initiative bis zu systemischer Innovation.
Ich habe für meine Masterarbeit dazu geforscht. Ärzte würden gerne mehr ambulant arbeiten, Patienten wollen lieber nach Hause. Aber wenn du die Wahl hast: Eine Stunde für 10 Franken oder eine Stunde für 3 Franken bei 4 Franken Fixkosten?

Es wird geschaut, was politisch gut ankommt

Es wird aber sicher besser, sagst du? In unserem neuen ambulanten Tarif (der ja eigentlich zwei kompetitierende Tarife ist) gibt es ein «Kostenneutralitätsgebot». Das heisst, bis 31.12.2028 ist alles bei +/– 1 % eingefroren. Hoffentlich bleibt die Inflation tief! Das ist das klassische Problem: Es wird geschaut, was politisch gut ankommt. Die Leute, die es ausbaden – Leistungserbringer und Patienten –, fragt keiner. Kann sich jemand an die Erfolgsgeschichte des EPD erinnern? Vor allem fehlt die Infrastruktur für die Nachbetreuung in den ersten 12–24 Stunden. Der Hausärztemangel ist ja nur ein Problem. Jeder dritte Hausarzt im Kanton Zürich ist über 63 Jahre alt. Da helfen mehr Studienplätze Medizin ab übernächstem Jahr auch nicht.
In den USA haben sie das mit Oxycontin «gelöst». Resultat: Opiatkrise. In Deutschland bahnt sich das zunehmend mit Fentanyl an. Können wir bitte einmal in der Schweiz darauf verzichten, nachzukochen, was «im grossen Kanton» auch nicht funktioniert? Mehr Ambulantisierung ist überfällig. Aber ohne kostendeckende Tarife (Incentive für Leistungserbringer) und Nachbetreuungsinfrastruktur (Incentive für Patienten) wird es nicht funktionieren. Stichwort EPD. Wir vergleichen Äpfel mit Birnen und wundern uns, dass die Obstschale nicht stimmt.
Statt für die Lösung aufeinander zuzugehen geht die Sache jetzt vor Gericht. Ist das der Weg in eine produktive und vertrauensvolle Zukunft? Wenn schon Gesetz, dann doch lieber frei nach Artikel 1 der deutschen StVO: Die Teilnahme erfordert Nachsicht, Umsicht und Rücksicht.
Warum nicht zusammen das Problem lösen als gegeneinander neue schaffen?


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