Fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt – oder Ihre Pflegefachperson

Eine Cochrane-Studie zeigt: Pflegefachleute könnten viele ärztliche Aufgaben übernehmen – die Qualität bliebe stabil. Der SBK sieht darin ein Signal in der Debatte um mehr Verantwortung für die Pflege.

, 18. Februar 2026 um 05:17
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KI-Bild: Medinside mit Midjourney.
Das Cochrane-Netzwerk ging der Frage nach, welche Ergebnisse Pflegefachpersonen erzielen, wenn sie im Spital Aufgaben übernehmen, die bislang dem ärztlichen Personal vorbehalten waren.
Für die systematische Übersichtsarbeit wurden 82 randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt über 28’000 Teilnehmenden zusammengefasst. 70 davon wurden in einer Metaanalyse ausgewertet.
  • Michelle Butler, Marcia Kirwan, Vera JC Mc Carthy, et al.: «Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes», in: «Cochrane Database of Systematic Reviews», Februar 2026.
  • DOI: 10.1002/14651858.CD013616.pub2
Insgesamt gab es keine oder nur geringe Unterschiede zwischen Pflegefachpersonen und ärztlichem Personal bei untersuchten medizinischen Endpunkten wie Mortalität, Patientensicherheit, Lebensqualität sowie Selbstwirksamkeit der Patientinnen und Patienten, so die Forschenden.

Evidenz moderat bis gering

Die meisten eingeschlossenen Studien stammten aus Ländern mit hohem Einkommen, insbesondere aus dem Vereinigten Königreich (32 Studien) und den Niederlanden (12). In vielen Studien verfügten die beteiligten «Nurses» über eine zusätzliche Qualifikation – etwa als spezialisierte Pflegefachpersonen (37 Studien), als Advanced Practice Nurses oder als Nurse Practitioners (18 Studien).
Allerdings unterschieden sich die einzelnen Studien stark, weshalb die Cochrane-Autoren die bestehende Evidenz für ihre Auswertung je nach Fragestellung als moderat bis gering werten. Teilweise agierten die Pflegefachleute vollständig autonom, teilweise unter ärztlicher Anleitung und Begleitung. Zudem sind einige Studien über 20 Jahre alt. Und nur in fünf Studien waren telemedizinische Verfahren in die untersuchten neuen Ansätze integriert.

SBK: «Ergebnis von Teamwork»

Die Schweiz war in der Cochrane-Analyse nicht vertreten. Für den hiesigen Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) sind die Ergebnisse dennoch relevant: «Die Resultate bestätigten, dass wir uns bezüglich Qualifikationen der Pflege in die richtige Richtung entwickeln», sagt Roswitha Koch, Leiterin Abteilung Pflegeentwicklung beim SBK auf Anfrage von Medinside.
Diplomierte Pflegefachpersonen in der Schweiz (HF oder BSc) seien nach einem dreijährigen Studium «sehr gut ausgebildet» und könnten entsprechend auch Aufgaben übernehmen, die früher «typisch ärztlich» waren.
Dass die Evidenz in der Cochrane-Analyse als moderat bis gering eingestuft wurde, relativiert Koch. Medizinische Ergebnisse liessen sich «meist schwierig einzelnen Berufsgruppen zuordnen», da Outcomes in der Regel «in Teams von Pflegeden, Ärztinnen, Physiotherapeutinnen und vielen anderen Fachpersonen» erreicht würden.

Volles Potenzial entfalten

Aus Sicht des SBK überwiegt daher die Kernaussage der Analyse: In Situationen, wo diplomierte Pflegefachpersonen oder solche mit Spezialisierungen (z. B. in Anästhesiepflege) oder Pflegeexpertinnen und -experten APN (mit MSc) «all ihr Wissen und ihre Fertigkeiten vollumfänglich anwenden können, ist eine gleichbleibend gute Qualität für die Patient:innen und eine mengenmässige Entlastung der Ärzteschaft zu erwarten».
Für den Verband liefert die Studie damit Rückenwind für die Debatte um die Umsetzung der Pflegeinitiative. Eine gesetzliche Regelung der APN-Rolle sei «dringend notwendig, um klare Rahmenbedingungen für eine sichere und effektive Berufsausübung zu schaffen» und ermögliche es den Pflegeexpertinnen und -experten APN, «ihr volles Potential zu entfalten».

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