Datenerfassung: viel Aufwand, kaum Nutzen

Ärzte und Pflegende verbringen täglich Stunden damit, Daten zu sammeln. Genutzt werden diese jedoch kaum.

, 26. Mai 2023 um 09:30
image
Rund zwei Stunden verbringen Ärzte und Pflegende täglich mit Administration. | Freepik
Der administrative Aufwand für Pflegepersonal und Ärzteschaft wächst; rund zwei Stunden pro Tag werden inzwischen für Papierkram aufgewendet. Dabei werden Unmengen an Daten zusammengetragen die, gemeinsam mit den Informationen, die viele Menschen über sich selber sammeln – Schritte, Puls oder Schlafgewohnheiten – und den Abrechnungsdaten der Krankenkassen, zu einem immensen Datenberg heranwachsen.

Brachliegendes Potential

Diese Daten haben ein riesiges Potential, werden aber kaum genutzt. Dies liegt unter anderem daran, dass die Weiterverwendung von gesundheitsbezogenen und deshalb besonders schützenswerten Personendaten für Forschungsprojekte heute aus rechtlichen, aber auch aus strukturellen Gründen anspruchsvoll bis unmöglich ist.

Daten auf Papier bringen keinen Nutzen

Insbesondere rechtliche Hürden würden dafür sorgen, dass das immense Potential, das Realweltdaten für die Gesundheitsforschung haben, nur sehr begrenzt genutzt werden könnten. Es bestehe heute ein «Flickenteppich» von zig Gesetzen auf eidgenössischer und kantonaler Ebene. Und nicht zuletzt seien Daten über Jahre hinweg nicht digitalisiert, sondern auf Papier erfasst worden. Es fehlen, teilweise auch heute noch, vollständig digitalisierte Meldeformulare. Im schlimmsten Fall werden diese ausgedruckt, die Daten von Hand eingetragen, danach eingescannt und verschickt. Mit viel Aufwand werden so zwar Daten generiert, ausgewertet werden sie allerdings kaum. Der Nutzen ist damit gleich Null.

Fehlende Standardisierung

Das Problem sieht Rechtsanwalt Daniel Staffelbach auch darin, dass die Datenerhebung in der Schweiz nicht standardisiert ist. «Das fragmentierte Gesundheitssystem führt dazu, dass es keine zentrale Übersicht über die vielen bestehenden Datenbanken gibt», sagt er. So habe jedes Spital sein eigenes System, und die Koordination der Akteure ist zeitaufwendig. «So lange es keine Vereinheitlichung gibt, kann es nicht funktionieren. Es braucht entweder ein und denselben Informations- und Technologie (ICT)-Anbieter für alle wesentlichen Leistungserbringer oder vollständige und verbindliche Richtlinien für diese Anbieter», so Staffelbach.

Bund ist gefordert

Er sieht deshalb den Bund in der Pflicht zu handeln. «Ein kleiner zersplitterter Markt braucht einen Koordinationsmechanismus. Dieser kann nur ein Regulator wie beispielsweise der Bundesrat einnehmen, der sagt, wie es für den gesamten Markt laufen muss.» Es brauche ein einheitliches, nationales Gesetz, das alle Unklarheiten abschaffe. Dieses soll regeln, wie und für was in der Schweiz anfallende Gesundheitsdaten einheitlich erfasst sowie genutzt werden können und wie die verschiedenen Akteure Zugang zu den Daten erhalten sollen.

80 Prozent würden Daten der Forschung weitergeben

Bleibt die Frage: Wie stehen Herr und Frau Schweizer zur Weitergabe ihrer Daten? Eine Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte ergab, dass zwar nur gut die Hälfte von ihnen ihre Gesundheitsdaten digital erfassen möchte, der medizinischen Forschung hingegen würden über 80 Prozent ihre Daten weitergeben.

Rahmengesetz für die Sekundärnutzung von Daten

Die Schweiz soll ein Rahmengesetz für die Sekundärnutzung von Daten erhalten. Nach dem Ständerat hat sich auch die beratende Kommission des Nationalrates hinter das Anliegen gestellt. Das neue Gesetz soll den Rahmen dafür definieren, wie all die Daten, die wir sammeln, möglichst gut genutzt werden können. Es definiert Standards, regelt den Datenschutz und klärt auch allfällige Subventionierungen. Das gilt auch für andere Bereiche, wie etwa die Landwirtschaft oder den Umweltschutz.


  • spital
  • gesundheitsdaten
  • pflegefachleute
  • BAG
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

GZO Spital Wetzikon: Schon redet man von «alternativen Nutzungen» 

Der Neubau ist zu fast drei Vierteln fertig – nun sprang der Generalunternehmer Steiner AG ab. Wie also weiter?

image

Spital Wetzikon: Und noch ein GL-Mitglied weniger

Letzte Woche Urs Eriksson, heute Judith Schürmeyer – wieder hat ein Geschäftsleitungs-Mitglied das GZO Spital verlassen. Interimistisch übernimmt Susanna Oechslin.

image

Spital-Roboter: Science Fiction oder schon bald Normalität?

Indoor-Roboter können das Pflegepersonal entlasten und die Wirtschaftlichkeit im Spital verbessern. Semir Redjepi, Head of Robotics der Post im Interview.

image

Spital-CEO wird Präsident der Krebsliga Bern

Kristian Schneider übernimmt das Amt zusätzlich zu seiner Funktion als CEO des Spitalzentrums Biel.

image

KSOW: Stabile Patientenzahlen, höhere Erträge

Fachkräftemangel, Teuerung und starre Tarife – diese Faktoren brachten 2023 auch das Kantonsspital Obwalden in den roten Bereich.

image
Die Schlagzeile des Monats

«Es braucht einen runden Tisch fürs Gesundheitswesen»

In unserer Video-Kolumne befragt François Muller Persönlichkeiten aus der Branche zu aktuellen Fragen. Diesmal: Thierry Carrel.

Vom gleichen Autor

image

«Der Regulierungswahn zerstört die Qualität der jungen Chirurgengeneration»

Es hat sich viel Frust aufgestaut bei den Chirurgie-Assistenten. Ein junger Arzt gibt Einblick in seinen Alltag.

image

«Weihnachten ist auch im Spital eine magische Zeit»

Die Festtage sind eine teils schmerzliche, teils hoffnungsvolle Zäsur für Kranke und Angehörige. Ein Gespräch mit Spital-Seelsorgerin Margarete Garlichs.

image

Cyberattacken: «Spitäler sind oft schlecht geschützt»

Die Angreifer auf Gesundheits-Einrichtungen hätten auch allzu oft leichtes Spiel, sagt IT-Sicherheitsexperte Marc Ruef im Interview.