Darum ist Ex-Starchirurg Carrel nicht mehr genehm

Einst war Thierry Carrel der gefragteste Herzchirurg der Schweiz. Nun setzt ihn das Zürcher Universitätsspital vor die Türe.

, 9. November 2022 um 07:40
image
Thierry Carrel arbeitet nicht mehr fürs Universitätsspital Zürich. | zvg
Es ging plötzlich ziemlich schnell, bis das Zürcher Universitätsspital (USZ) einen neuen Direktor der Klinik für Herzchirurgie bestimmt hat: Vor etwas mehr als zwei Monaten wurde bekannt, dass Omer Dzemali, derzeit noch Chefarzt Klinik für Herzchirurgie am Stadtspital Zürich, den Posten erhält. Das für Herbst geplante längere Auswahlverfahren unter den Kandidaten wurde gestrichen.

Wechsel schon in drei Wochen

Der 52-Jährige tritt seine Stelle bereits in drei Wochen an. Im Rahmen der Herzallianz ist er schon seit 2016 am USZ tätig. Er wird Nachfolger von Paul Vogt.
Für Thierry Carrel ist nun kein Platz mehr am USZ. Wie die Tamedia-Zeitungen melden, soll der ehemalige Star-Chirurg eine Vereinbarung unterzeichnen, wonach er bereits in drei Wochen seine Funktionen aufgeben soll. Carrel hat dies zwar nicht selber bestätigt, doch «laut Insidern» habe er die Vereinbarung bisher nicht unterschrieben.
Carrel sei auch nicht der Einzige, der am USZ nicht mehr genehm sei. Erstaunt ist man in Fachkreisen offenbar auch über die überstürzte Wahl von Omer Dzemali.
Im Gegensatz zu den jetzigen Chefs, Paul Vogt und Thierry Carrel, habe er kaum Erfahrung mit Herztransplantationen.

Veraltete Herzchirurgie?

Doch warum sind die ehemaligen Stars der Herzchirurgie nicht mehr gefragt? Bereits vor zwei Jahren warf ein Stellenwechsel von Thierry Carrel Fragen auf: Damals verliess er das Berner Inselspital, welchem er lange Zeit als das umschwärmte Aushängeschild diente.
Schon damals war klar, dass er am USZ nur die zweite Geige spielen würde. Es kam auch heraus, dass Kardiologen Carrel schon länger vorwarfen, eine veraltete Herzchirurgie zu betreiben. Die katheterbasierte oder endovaskuläre Chirurgie habe er überhaupt nicht gepusht.

Carrel kontert

Gegenüber Medinside wehrt sich Thierry Carrel gegen diese Vorwürfe und stellt klar: «Von veralteten Methoden kann keine Rede sein. Die aktuelle Herzchirurgie befasst sich zunehmend mit dem High-end der Herzerkrankungen: Transplantationen, Kunstherzen, Aortenrisse, angeborene Herzfehler bei Kindern und Erwachsenen.» Für diese Eingriffe, so Carrel gebe es keine katheterbasierten Lösungen. «Wir haben in Bern sehr viel zur Entwicklung von minimal-invasiven Herz-Lungenmaschinen beigetragen».
Und weiter betont Carrel: «Am USZ wird eine grosse Anzahl der katheterbasierten Klappeneingriffe gemeinsam von Kardiologen und Herzchirurgen durchgeführt, weil die Herzchirurgen sich durchaus dafür sehr interessieren. Also sehr fortschrittlich, im Gegensatz zu Bern zum Beispiel, wo die Kardiologen diese Eingriffe weitgehend im Alleingang durchführen.» Im Übrigen seien die Qualitätszahlen in den letzten zwei Jahren an der Herzchirurgie des USZ hervorragend gewesen. Die beobachteten Sterblichkeitsraten seien bei praktisch allen Eingriffen sehr viel tiefer ausgefallen als erwartet.

Im Rennen mit St. Gallen?

Möglicherweise will – oder muss – sich das USZ in der Herzchirurgie möglichst schnell neu positionieren. Jedenfalls werfen die Tamedia-Zeitungen die Frage auf, ob aus St. Gallen neue Konkurrenz drohe.
Das St. Galler Kantonsspital wolle seine Klinik ausbauen. Das bestätigt Philipp Lutz, Sprecher des Kantonsspitals, auf Anfrage von Medinside weitgehend. Allerdings wird das nicht so schnell gehen. Das Kantonsspital will für die neue Spitalliste von 2024 einen erweiterten Leistungsauftrag im Bereich Herzchirurgie beantragen. Genauere Angaben zum Antrag gibt es noch nicht.

Was macht Thierry Carrel jetzt?

Auch wenn Thierry Carrel wohl brüskiert ist vom unrühmlichen Abgang, welchen ihm das USZ nun beschert, wird er nicht lange nach neuen Aufgaben suchen müssen. Bereits vor einigen Monaten hat er sich neuen Tätigkeiten zugewandt: Er wird die Reorganisation im Freiburger Spital begleiten.
Ausserdem ist Thierry Carrel in seiner Wohngemeinde im Kanton Luzern in die Politik eingestiegen und Mitglied des Gemeinderats geworden. Für den Nationalrat kandidierte er einst erfolglos.
  • spital
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Jede Notfall-Konsultation kostet 460 Franken

Notfallstationen werden immer öfter besucht. Eine Obsan-Studie bietet nun Zahlen dazu. Zum Beispiel: 777'000 Personen begaben sich dreimal in einem Jahr auf den Spital-Notfall.

image

Pharmagelder 2024: Zuwendungen an Schweizer Ärzte steigen leicht

2024 erhielten Ärzte, Spitäler und Fachgesellschaften zusammen 262 Millionen Franken – 16 Millionen mehr als im Jahr davor.

image

Ob FaGe, Apotheker, Physio oder Chefärztin: Das verdient man im Gesundheitswesen

Wie steht es um Ihr Gehalt? Hier finden Sie die Standard-Monatslöhne der wichtigsten Berufe in der Gesundheitsbranche.

image

Die 10-Prozent-Illusion der Schweizer Spitäler

Eine Betriebsrendite von zehn Prozent galt lange als Überlebens-Formel für Akutspitäler. Womöglich ist dieser Richtwert zu tief. Die Beratungsfirma PwC fordert mehr Effizienz – die Spitäler höhere Tarife.

image

Auf dem richtigen Weg

Der Markt für Krankenhaus-Informationssysteme (KIS) befindet sich in einer Phase tiefgreifender Transformation. Die aktuellen Trends und Herausforderungen der Branche sowie die Erwartungen der Kliniken beleuchtet Dirk Müller, Director Product Management CIS4U bei Dedalus HealthCare.

image

Interprofessionelle Visiten auf dem Prüfstand

Die Visiten werden geschätzt, aber nicht alle Beteiligten sind gleich zufrieden. Vor allem die Pflege bemängelt ihre Einbindung und sichtet Verbesserungs-Chancen. Dies zeigt eine Umfrage in Schweizer Spitälern.

Vom gleichen Autor

image

«Das Inselspital ist noch lange nicht über den Berg»

Das Inselspital wartete mit guten Meldungen auf. Doch der Insel-Kritiker Heinz Locher gibt keine Entwarnung.

image

So entgehen Sie dem Hochstapler-Syndrom

Viele Ärztinnen und Ärzte überfordern sich – und glauben dann selber, dass sie über ihrem Können spielen. Das ist schlecht für die Psyche.

image

Im Schaufenster stehen vor allem unwirksame Medikamente

Bieler Ärzte schlagen eine neue Etikette für rezeptfreie Arzneimittel vor. Sie soll zeigen, wie verlässlich die Wirksamkeit nachgewiesen worden ist.