Wenn die Nachtschicht das Herz aus dem Takt bringt

Unregelmässige Arbeitszeiten stören die innere Uhr und erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die American Heart Association empfiehlt, den inneren Taktgeber bei Anamnese und Prävention zu berücksichtigen.

, 15. Dezember 2025 um 04:53
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Nachtschicht im Spital – das liegt nicht jedem Chronotyp. KI-Symbolbild: Docinside mit Gemini.
Lange Dienste, unregelmässige Arbeitszeiten, Nachtschichten – für viele Ärztinnen und Ärzte gehört ein verschobener Tagesrhythmus zum Alltag. Doch was im Spitalbetrieb Routine ist, kann langfristig gesundheitliche Folgen haben.
Eine wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association zeigt, wie stark Störungen des zirkadianen Systems mit kardiometabolischen Risiken verknüpft sind – und warum die innere Uhr stärker in Prävention und Alltag berücksichtigt werden sollte.

Störungen der inneren Uhr gehen auf's Herz

Das zirkadiane System reguliert den 24-Stunden-Rhythmus zahlreicher physiologischer Prozesse – darunter Schlaf-Wach-Zyklen, Hormonsekretion, Blutdruckregulation oder Glukosestoffwechsel.
Zentraler Taktgeber für das zirkadiane System ist der suprachiasmatische Nukleus (SCN) im Hypothalamus. Hinzu kommen periphere Taktgeber im gesamten Körper, darunter im Herz-Kreislauf- und Stoffwechselsystem. Licht ist der wichtigste Zeitgeber für den SCN. So passen sich unsere inneren Rhythmen an den natürlichen Wechsel von Tag und Nacht an.
Zirkadiane Rhythmen können durch Krankheiten, Schichtarbeit, unpassend getimte Schlafenszeiten, Mahlzeiten oder Aktivitäten gestört werden – ebenso durch Schlaf-Wach-Störungen mit vorverlagerten, verzögerten oder unregelmässigen Rhythmen.
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Eine wichtige Rolle spielt zudem der individuelle Chronotyp: Wenn etwa ein Spättyp gezwungen ist, sehr früh aufzustehen, ist er während seiner biologischen Nachtruhe wach, was Rhythmen aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Klinische Relevanz für die Praxis

Störungen der inneren Uhr können das Risiko für Übergewicht und Diabetes erhöhen. Zirkadiane Rhythmusstörungen nehmen zudem Einfluss auf das Risiko für Bluthochdruck. Einer Metaanalyse zufolge haben Schichtarbeiter ein um 17 Prozent erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Umgekehrt sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einer sehr guten Übereinstimmung von innerem und äusserem Rhythmus.
«Clinicians, researchers, policymakers, and the public should recognize the role of circadian rhythms in maintaining and promoting cardiometabolic health and focus on identifying modifiable behaviors that can improve them», American Heart Association.
Die American Heart Association empfiehlt deshalb, zirkadiane Faktoren bei der Primärprävention kardiometabolischer Erkrankungen zu berücksichtigen.

Praxistipp:

  • Ärztliche Anamnese: Fragen zum Schlaf-Wach-Rhythmus, zum Essens- und Aktivitätsmuster können Hinweise auf zirkadiane Desynchronisation geben.
  • Patientenedukation: Fokus nicht nur darauf, «was» und «wie viel», sondern auch «wann» Patienten essen, schlafen und sich bewegen.
  • Schichtarbeit: Erhöhte Aufmerksamkeit für kardiometabolische Risikoprofile bei Personen mit unregelmässigen Tagesrhythmen.
  • Individualisierte Prävention: Potenzial zur Entwicklung chronobiologisch orientierter Interventionsprogramme (etwa zeitlich begrenzte Ernährung, Lichttherapie).

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