Würden Sie einen trinkenden Kollegen anzeigen?

Und was halten Sie von Affären zwischen Ärzten und Patienten? Und: Liessen Sie sich von Pharma-Offerten beeinflussen? Eine Ethik-Umfrage ging der Standfestigkeit der Ärzte auf den Grund.

, 31. Juli 2015, 06:00
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Stellen Sie sich vor: Ein Patient muss sich einem Eingriff unterziehen – und der zuständige ärztliche Kollege ist dafür eher der falsche. Seine Fähigkeiten sind in dieser Sache unterdurchschnittlich. 
Würden Sie den Patienten darüber informieren?
Wohl lieber nicht. Nur 40 Prozent der befragten Ärzte in Deutschland beantworteten die Frage mit einem klaren Ja. 47 Prozent sagten «Kommt auf den Fall an» und 13 Prozent antworteten mit Nein – sie würden sich raushalten.
Das Ergebnis entstammt der Ethik-Umfrage, welche die Fachmediengruppe Medscape unter 285 Ärzten in Deutschland beziehungsweise fast 4'000 Medizinern in Europa durchgeführt hat.

Toleranz ist kulturell bedingt

Etwas rigider wären die Ärzte mit ihren trinkenden Kollegen: 38 Prozent der deutschen Ärzte würde einen Kollegen melden, wenn er erkennbar durch Drogen, Alkohol oder Krankheit beeinträchtigt wäre. Diese Quote liegt deutlich über jener von Frankreich, wo nur 28 Prozent einen toxisch angeschlagenen Kollegen anzeigen würden. Sie bleibt aber unter der im Rest Europas (47 Prozent). 
Hier manifestiert sich offenbar ein grösserer Standes-Zusammenhalt im deutschen Sprachraum: Man hat hier in der Ärzteschaft eher etwas gegen Denunziantentum. Und es geht weniger um Toleranz gegenüber einem Gläschen respektive gegenüber Drogen. Denn die deutschen Mediziner sind überaus klar gegen Alkohol- und Drogenetests für Ärzte, deutlich klarer als ihre Kollegen in anderen Ländern.

Therapeutische und private Beziehung? Geht schon

Konkret: Nur 35 Prozent befürworten die Idee – in Frankreich liegt die Quote mit 52 Prozent klar höher. Im europäischen Schnitt finden es sogar 58 Prozent der befragten Doktoren gut, dass Ärzte regelmässig auf Abusus getestet werden.
Ebenfalls nicht ganz dem Klischee entsprechen die Antworten zum privaten – sprich: erotischen – Verhältnis zwischen Arzt und Patient: Deutsche Ärzte gaben sich hier deutlich offener als ihre französischen Kollegen. Während 71 Prozent der Franzosen eine solche Beziehung ablehnen, waren es in Deutschland nur 46 Prozent: ein doch sehr signifikanter Unterschied. 
Dabei fanden 11 Prozent es akzeptabel, solch eine Beziehung zu einem aktuellen Patienten zu pflegen – in Frankreich waren es gerade mal 4 Prozent. Auch für die Zeit danach ist der Unterschied entsprechend gross: In Frankreich fand es jeder zehnte Arzt in Ordnung, ein halbes Jahr nach Ende der therapeutischen Beziehung ein Verhältnis zu einem Patienten zu haben, in Deutschland jeder fünfte. 
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Eine weitere Ethik-Frage drehte sich ums Verhältnis zur Pharmaindustrie: Würden Sie als Referent für ein Pharmaunternehmen auftreten – ohne dass dies Ihr Verschreibungsverhalten beeinflusst?
Knapp die Hälfte – 46 Prozent – der deutschen Mediziner hält sich hier für unbestechlich und antwortet mit Ja. 36 Prozent gestehen indes, sie würden sich wohl beeinflussen lassen durch solche Angebote.
Für die Medscape-Umfrage zur ärztlichen Ethik wurden insgesamt 3'984 approbierte Ärzte aus Europa online befragt, davon 285 aus Deutschland. Zeitraum: September bis November 2014.


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