Wer zahlt, befiehlt – was läuft falsch im Gesundheitswesen

Cornelia Meier, Co-Präsidentin der Solothurner Ärztegesellschaft, schreibt über die Erwartungshaltung der Prämienzahler, über die angebliche Mengenausweitung seitens der Ärzteschaft und über die Reformbereitschaft der Ärzteschaft.

, 17. Juni 2022, 07:14
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Mit Verlaub, was liegt näher, als dass die Versorgung von knapp 9 Millionen Einwohnern aufwändiger und kostenintensiver ist als vor 10 Jahren? Oder schaffen Sie es, eine Tafel mit 830'000 zusätzlichen Gästen, die zudem von Gluten-, Lactose-, Fructose- oder gar Histaminintoleranzen gepeinigt und vom Wunsch beseelt sind, nicht nur zu essen, sondern sich gleichzeitig auch noch mit dem gebotenen neuen Superfood Leib und Seele zu stählen, mit dem gleichen Budget zu versorgen? Die Medizin ist nicht nur um ein Vielfaches besser, sondern auch differenzierter und teurer geworden. Das Alter der Bevölkerung steigt und diese gewonnenen Mehrjahre sind zumeist nicht die gesündesten und somit auch nicht die billigsten.
Und noch etwas steigt: die Erwartungshaltung der Prämienzahler mit steigender Prämie, frei nach dem Motto «wer zahlt, befiehlt». Nach Konsultation von Doktor Google wird bei dem Arzt die Liste der notwendigen Abklärungen und Therapien präsentiert - oder bei zu hohem Leidensdruck auch gleich mal auf die Notfallstation ausgerückt, um den vermeintlich geschwollenen Lymphknoten am Hals vor dem nächsten Arbeitstag abklären zu lassen.

Das bedeutet in keiner Weise eine Mengenausweitung seitens der Ärzteschaft

Die Auswertung der Eckwerte des Kanton Solothurn zeigt, dass die Erstkontakte in den Praxen um 16 Prozent zugenommen haben. Das bedeutet in keiner Weise eine Mengenausweitung seitens der Ärzteschaft, sondern es gab schlicht mehr Nachfrage nach medizinischen Leistungen in den Arztpraxen von Seiten der Patientinnen und Patienten. Wäre die Ärzteschaft darauf aus, mehr Leistungen zur Aufbesserung des eigenen Portemonnaies zu erbringen, wären auch die Folgekonsultationen gestiegen, was aber nicht der Fall ist. Ähnliches ist der Statistik der durchgeführten Ambulanzfahrten des soH-Rettungsdienstes zu entnehmen: Es wurden im Vergleich zu den Vorjahren mehr Einsätze von dringlichem Charakter geleistet, also nicht einfach mehr Verlegungs- und Transportfahrten, sondern Einsätze aufgrund von Notsituationen.
Der Superfood bleibt leider nicht der gleiche, wenn wir nun die hochwertigen Zutaten mit Junkfood ersetzen. Um unsere überfüllte und anspruchsvolle Tafel bei Laune zu halten, müssten wir wohl einige Filetstücke einsparen und dafür vermehrt auf ausgewogene, gesunde Beilagen setzen. Nur, wer bringt es der Tafel bei?
Die Politiker sicher nicht, Kürzungen im Leistungskatalog der obligatorischen Grundversicherung durchzuführen, ist nicht sehr populär und sorgt sicher nicht für Wählersegen.
Wir als Ärztinnen und Ärzte? Das Abweisen von Patienten in den Arztpraxen am Telefon, weil die Einschätzung der Konsultationsdringlichkeit nicht einleuchtet, ist heikel. Was ist, wenn es doch brennt?

Die Ärzteschaft ist leidensfähig und stark ihren Patienten verbunden

Die Reformbereitschaft der Ärztinnen und Ärzte ist gross. Seit 2019 arbeitet die Ärzteschaft geeint mit den grösseren Krankenversicherern, welche über 50 Prozent der Versicherten repräsentieren, am neuen Tarifwerk für die ambulante Leistungserfassung, dem Tardoc. Zum dritten Mal wurde das Tarifwerk nun nach Vorgaben des Bundesrates überarbeitet und trotzdem abgewiesen. Es finden sich darin unter anderem Positionen, welche zum Beispiel den Einsatz von weitergebildetem Personal in der Betreuung von Diabetespatienten erlauben und damit klar Arztkosten einsparen würden. Auch ambulanten Pauschalen verschliesst sich die Ärzteschaft nicht und sieht im Tardoc die Chance einer Grundlage zu weiterführenden Reformen.
Mit dem Schritt «von stationär zu ambulant» ist es zudem gelungen, viele chirurgische Eingriffe ohne die Benützung eines Spitalbettes durchzuführen. Damit landen diese Kosten des vormalig zu mindestens 55 Prozent durch den Kanton finanzierten «stationären» Aufenthalts aber auf der Kostenspalte, welche bei den Krankenkassenprämien zu Buche schlägt. So werden auch von dieser Seite her viel mehr Kosten über die Prämien finanziert.
Die Ärzteschaft ist leidensfähig und stark ihren Patienten verbunden. Die standespolitischen kantonalen Organisationen werden im Milizsystem betrieben und um wirklich laut werden zu können, fehlt ihr neben der Patientenarbeit und zunehmenden administrativen Arbeit nicht nur die Zeit, sondern auch zunehmend die Kraft. Auch in der Demographie der Ärzteschaft stehen die Babyboomer vor den Toren der Pension. Das Problem des vermeintlichen Ärzteüberschusses wird sich also in Kürze von selbst lösen. Es bleibt spannend, wer dereinst die grosse Tafel verköstigen wird.
Dieser Beitrag ist ursprünglich eine Replik von der kantonalen Ärztegesellschaft Kanton Solothurn (GAeSO) auf einen Artikel von Francesco Benini, der in den Zeitungen von CH Media erschienen ist. Der Autor wirft darin den Ärzten vor, sie würden «alle Anstrengungen hintertreiben», die Gesundheitskosten zu stabilisieren. 
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