Verständliche Aussage erntet verständlichen Shitstorm

Auch im Nachbarland Österreich ächzen die Ärzte mehr und mehr unter administrativen Aufgaben. Eine Aktion dagegen war nun aber auch wieder nicht recht.

, 5. Oktober 2017, 09:12
image
  • politik
  • marketing
  • praxis
Es geschah in Österreich, aber welcher Schweizer Arzt würde nicht mitfühlen mit den Kollegen der österreichischen Ärztekammer? Im Tarifstreit mit den Krankenkassen starteten sie eine Plakatkampagne. Dabei zeigte ein Sujet eine Krebspatientin (oder zumindest ein Model dafür), dazu die Aussage: «Du kämpfst mit Krebs. Dein Arzt kämpft mit brokratischen Hürden der Krankenkasse.»
Die Aktion thematisierte also das in Österreich ebenfalls drängende Problem, dass die Kassen bei den Tarifen drücken sowie, damit einhergehend, bei den administrativen Kontrollen gestrenger werden, was wiederum mehr Aufwand verlangt von den Ärzten.

«Tiefpunkt»

Doch so wurde das nicht verstanden. Nicht nur die Sozialversicherungsträger, also die Kassen, sondern auch Patientenstimmen zeigten sich sofort empört beim Anblick des Plakats. «Die Verwendung von Krebskranken zur Durchsetzung eigener Interessen ist ein Tiefpunkt und überschreitet sämtliche moralischen Grenzen», sagte der Kassenverbands-Vorsitzende Alexander Biach in einem Communiqué
Es sei ein ihm persönlich «bisher ungekannter Stil, sinngemäss Krebskranken mitzuteilen, dass man sie aufgrund bürokratischer Hürden nicht ausreichend behandeln könne».
Oder anders: Ausgesandt wurde die Botschaft, dass die Bürokratie die Betreuung der Patienten erschwere. Empfangen wurde die Botschaft, dass sich die Ärzte offenbar eher um Papiere kümmern als um Patienten.

«Beschönigung bringt nichts»

Und so ärgerte sich in Wien die Patientenanwältin Sigrid Pilz: «Ich bin entsetzt. Das ist unfassbar», bewertete sie die Plakate gegenüber «Die Presse». Das Krebs-Sujet sei «zutiefst abzulehnen»; es suggeriere, dass Ärzte keine Zeit für die Patientenbehandlung hätten, da sie im Papierkrieg mit der Kasse stünden: «Das ist bodenlos». Pilz kündigte an, eine Beschwerde beim zuständigen Ethikrat einzulegen. Doch das wird nicht mehr nötig sein: Die Ärzte gingen tatsächlich auf die Bremse.
In einer ersten Reaktionen sagte Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart zwar noch: «Beschönigung bringt nichts». Man müsse einmal klarmachen, dass die Ärzte es mit schwerkranken, zuwendungsbedürftigen Patienten zu tun haben  –aber dabei zugleich mit absurden bürokratischen Auflagen konfrontiert seien.

Gedacht – getan

Doch schon nach drei Tagen schwenkten die Mediziner um. «Ich entschuldige mich bei jedem Patienten, der sich durch das Bild, das affichiert wurde, gekränkt fühlt», sagte Ärzteverbands-Präsident Thomas Szekeres in einer Pressekonferenz in Wien. 
Tatsächlich könne der Text des Plakats missverstanden werden – also ob die Ärzte die Krankheit per se mit ihren administrativen Aufgaben verglichen. «Das kann man so lesen, es war nicht so gemeint.» Vielmehr sei es darum gegangen, dass todkranke Patienten Spezialnahrung oder Schmerzmedikamente nicht genehmigt bekämen – aus Kostengründen.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Infektionskrankheiten: Der Bund soll Viren künftig überwachen

Das wissenschaftliche Beratungsgremium Covid-19 fordert, dass die Schweiz Methoden zur künftigen Überwachung von Infektionskrankheiten prüft.

image

Frankreichs Hausärzte gehen auf die Strasse

Statt 25 Euro pro Konsultation wollen französische Hausärzte künftig das Doppelte. Sind sie geldgierig oder arbeiten sie zu einem Hungerlohn?

image

Heisse Debatte: Dauern manche Psychotherapien zu lange?

Basel will Kranke nicht mehr so lang psychiatrisch behandeln lassen. Eine ganz heikle Forderung, wie die Reaktionen zeigen.

image

Jugendliche griffen 2022 häufiger zur Flasche als 2021

Der Konsum von Alkohol und Nikotin hat erneut zugenommen; vor allem bei Mädchen. Das zeigt eine Befragung bei knapp 1100 Jugendlichen.

image

Nun will der Bund für mehr Organspenden sorgen

Niemand weiss, wann die Widerspruchslösung für Organspenden kommt. Deshalb macht der Bund nun viel Werbung für die freiwillige Spende.

image

Fast jeder zweite Schweizer ist gegen eine Digitalisierung seiner Gesundheitsdaten

Vor allem gegenüber Privatfirmen sind Schweizerinnen und Schweizer skeptisch, was ihre Gesundheitsdaten anbelangt. Sie befürchten laut einer Deloitte-Umfrage Missbrauch und Überwachung.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.