«Piloten üben am Simulator, Chirurgen am Menschen»

Operationssimulatoren kämen viel zu selten zum Einsatz, kritisiert Gesundheitsökonom Heinz Locher. Manche Spitäler sind derzeit dabei, dies zu ändern.

, 11. Februar 2019, 14:45
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Oft im Leben ist es so, dass alle am liebsten zu den Ersten gehören. Bei operativen Eingriffen sind die hinteren Plätze aber die besseren. «Man sollte nie einer der ersten 50 Patienten sein, bei denen ein Chirurg ein für ihn neuen Eingriff durchführt», sagt der Gesundheitsökonom Heinz Locher.
Doch lange Zeit war das Lernen am Patienten für Chirurgen kaum zu umgehen. Alternativen gab es wenige – und realitätsnah waren diese kaum. Das hat sich inzwischen geändert. Neue Operationssimulatoren können die Wirklichkeit immer besser abbilden. Diese simulieren etwa Blutungen oder unterschiedliche Reaktionen der Patientenkörper.
«Leider sehr teuer»
«Je nach System sind diese Simulatoren extrem realitätsnah», sagt Raffaele Rosso. Der Viszeralchirurg ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie (SGC). Die Software der Simulatoren sei so raffiniert, dass sie während des Operierens mögliche Fehler signalisiert. «Dadurch kann man sich an den Simulatoren an eine operative Technik gewöhnen, ohne dabei die Patienten zu schädigen». So könne der erste Teil der Lernkurve an den Maschinen absolviert werden.
Doch bei allem technischen Fortschritt haben die Simulationen einen Haken: Sie sind «leider sehr teuer», wie es Rosso ausdrückt. Gemäss Gesundheitsökonom Locher führt dies dazu, dass die Simulatoren viel zu selten eingesetzt werden. Etwas polemisch könne man sagen: «Piloten trainieren am Simulator, Ärzte am Menschen».
Es kommt auf die ärztliche Leitung an
Ob und wie stark Simulatoren zum Einsatz kämen, hänge aktuell stark mit der jeweiligen Führung zusammen, sagt Locher. Dies bestätigt Chirurg Rosso: Es komme darauf an, wie stark sich die Chefärzte selber für diese Simulatoren engagieren. So gebe es Kliniken, die das Operieren an Patienten erst dann erlauben, wenn auszubildende Ärzte eine gewisse Anzahl von Sitzungen an Simulatoren absolviert haben.
Medinside hat Spitäler zum Einsatz von Operationssimulationen befragt. Luigi Mariani, Mitglied der Bereichsleitung Chirurgie am Universitätsspital Basel (USB), sagt, man übe weiterhin an Leichen und Tieren. Doch den Simulationen käme eine «steigende Bedeutung» zu. So habe man für das Training von endoskopischen Bauchoperationen mit dem Da-Vinci-Roboter eigens einen Simulator gekauft. Im Bereich der voll computerisierten Systeme und Geräte sieht Mariani aber noch Ausbaubedarf. Aktuell müsse man auf Angebote anderer Institutionen oder Spitäler zurückgreifen. «Damit lässt sich der steigende Bedarf aber nicht mehr genügend abdecken.»
In Basel will man deshalb handeln. Die chirurgischen Chefärzte und Professoren des Universitätsspitals und der Universität Basel möchten ein sogenanntes Skill Lab aufbauen. In diesem Zentrum sollen die meisten invasiven Verfahren geübt werden können – computersimuliert ebenso wie an Modellen, Leichen und Tieren. Auch Abläufe im Team sollen realitätsnah geübt werden können. «Die Anleitung und die Aufsicht durch einen erfahrenen Operateur im OP-Saal am realen Patienten werden durch all diese Möglichkeiten aber definitiv nicht ersetzt», sagt Mariani. Und da sind auch noch die Kosten. Die Finanzierung des Skill Labs ist derzeit noch nicht gesichert.
«Die derzeitige Situation ist unhaltbar»
Am Kantonsspital Winterthur (KSW) existiert seit 2018 ein sogenanntes In-Situ-Simulationszentrum. Bei diesem stehen aber nicht Operationen im Zentrum. An einer Hi-Tech-Puppe üben Teams den Umgang mit komplexen, aber nichtinvasiven Situationen. Dies etwa im Bereich der Neonatologie. Der Nutzen sei klar nachgewiesen und zeige sich auch in der Praxis, sagt KSW-Sprecher André Haas. Im chirurgischen Bereich führt das KSW jährlich mehrere Osteosynthese-Kurse an Simulatoren durch. Und wie die Kolleginnen und Kollegen in Basel simuliert man auch in Winterthur am Da-Vinci-Roboter den Ernstfall. Die Simulationen hätten am KSW einen «grossen Stellenwert», sagt Haas. Wie in Basel möchte man auch in Winterthur weiter in den Bereich investieren.
Für Locher braucht es deshalb schweizweit mehr Investitionen und mehr Willen, auf die neue Technik zu setzen. «Denn die derzeitige Situation ist unhaltbar.» Denn in einem sind sich alle Befragten einige: Die Simulatoren bringen einen Sicherheitsgewinn.
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