«Oft fehlt die Bereitschaft, sich an den Bedürfnissen des Pflegepersonals auszurichten»

Die Firma TTA Personal vermittelt Pflege-Fachkräfte aus Spanien in die Schweiz. Wie sind die Erfahrungen? Wo liegen die Chancen – für beide Seiten? Antworten von TTA-Geschäftsführer Oliver Nordt.

, 16. Oktober 2015, 06:39
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Herr Nordt, mit welcher Perspektive kommen die Pflegefachleute aus Spanien in die Schweiz: Möchten sie bleiben, sich hier ein Leben aufbauen? Oder geht es eher darum, Spaniens Krisenlage kurzfristig zu überbrücken?
Wir haben es zumeist mit jüngeren Leuten zu tun. Und wenn sie eine Person im Alter unter 30 interviewen und sie nach ihrer Lebens- und Pensionsplanung fragen, erhalten Sie Antworten, die sich auf eine Lebensplanung für die nächsten zwei bis drei Jahre beziehen. Wir wissen aber, dass viele von diesen Menschen bleiben, wenn sie sich in Ihrem Arbeitsumfeld wohl fühlen. 
Und wie sieht es bei den Kliniken aus? Wie sehr wollen die mit spanischen Pflegekräften einfach Spitzen abmildern?
Die Kliniken haben ein enormes Interesse an langfristigen Engagements. Das ist in der Schweiz gleich wie in Deutschland. Wenn die Pflegekräfte bereit wären, sich zehn Jahre zu verpflichten, dann würden sie bei den Kliniken auf grosses Interesse stossen. Daher muss das Ziel einer Personalvermittlung immer die Zufriedenheit auf beiden Seiten sein, damit sich die gegenseitige Erwartungshaltung auch erfüllt.
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Oliver Nordt ist Geschäftsführer der TTA Personal GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in München hat sich darauf spezialisiert, spanisches Pflegepersonal zu vermitteln. Seit drei Jahren ist TTA auch in der Schweiz aktiv. Zu seinen Kunden zählen unter anderen das Kantonsspital Baselland und die Hirslanden-Gruppe.
Der spanische grado de enfermería wird nach einem vierjährigen Studium erworben. Das SRK anerkennt ihn entsprechend einem Bachelor-Titel in Pflege.
Wer in der Pflege arbeiten will, muss die Sprache können. Wie überbrückt man das?
In der Tat – in einem Bereich übernimmt die Sprache eine hervorgehobene Rolle. Und hier müssen alle Beteiligten etwas Geduld aufbringen, da das Personal aus Spanien eine Einarbeitung in sprachlicher Hinsicht benötigt. Auch wenn die Schweiz etwas anspruchsvoller ist als Deutschland, zeigen die Erfahrungen, dass sich nach einigen Wochen oder Monaten eine sehr gute Zusammenarbeit einstellt. Bei den Patienten ist das eher nur ein geringeres Problem: Hier kommen die spanischen Pflegekräfte wegen ihrer zugewandten Art und ihrer Kommunikationsfreude sehr gut an.
Heisst das: Schweizer Kliniken fordern eher mehr Sprachkompetenz?
Ja. In Deutschland ist man kompromissbereiter. Da genügt es durchaus, zuerst einmal mit Grundkenntnissen zu arbeiten: Man hat eine sprachliche Basis, und die Kliniken kümmern sich dann um weitere Kurse. Unser Geschäft in der Schweiz dreht sich daher auch nicht um die massenhafte Vermittlung, sondern eher um einzelne Stellen beziehungsweise Personen. Wir denken jedoch, dass man vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Schweiz umdenken sollte. Wenn das fachliche Niveau gut ist, dann ist man auch jetzt schon bereit, Zugeständnisse bei der Sprachkompetenz zu machen.
Dies dann wohl bei Spezialistenstellen.
Ja, zum Beispiel vermitteln wir derzeit OP-Fachkräfte für das Kantonsspital Baselland. Da rekrutieren wir das Personal und organisieren berufs-vorbereitende Sprachkurse in Spanien, damit die Fachkräfte dann im Januar und Februar 2016 ihre Tätigkeit am Kantonsspital aufnehmen können. Sie werden dann zwar nicht fliessend Deutsch sprechen, aber im Bereich OP haben sie mehrjährige Erfahrung.
In Spanien gibt es doch selber einen Mangel an Pflegekräften, die Quote an Pflegepersonal pro Kopf ist in keinem anderen EU-Land so tief. Und mit 5 Prozent ist die Arbeitslosenrate beim Pflegepersonal vergleichsweise gering.
Wir gehen davon aus, dass derzeit ungefähr 16'000 bis 20'000 Pflegekräfte erwerbslos sind – oder aber sie befinden sich in prekären Beschäftigungs-Verhältnissen. Das heisst, sie haben Verträge für ein paar Wochen oder maximal drei Monate. Und dies sind oft Anstellungen, bei denen man einfach kurzfristig einspringen muss: Man erhält am Abend einen Anruf, dass man am nächsten Tag zum Dienst erscheinen soll.
Um einmal das Potential zu schätzen: In der Schweiz gibt es akut über 4'000 offene Pflegestellen. Welcher Anteil davon könnte – rein theoretisch – durch Personal aus Spanien besetzt werden?
Das hängt davon ab, wie man sich verpflichtet. Ich kann immer sagen: Wenn sich das beauftragende Unternehmen entsprechend finanziell engagiert, ist vieles möglich. Es braucht natürlich Geduld, es braucht Organisation – aber ich würde einmal behaupten: Theoretisch könnte man auch 4'000 passende Pflegekräfte in Spanien rekrutieren. Allerdings muss man dafür natürlich Geld in die Hand nehmen. Wenn man es denn wollte.
Will man es denn nicht?
Der Begriff Fachkräftemangel ist natürlich auch ein politischer Begriff – und es ist ein relativer Begriff. Gehen wir zum Beispiel davon aus, dass eine bestimmte Klinik einen Personalbedarf von 20 Personen hat. Dann stellen Sie als Personalvermittler eine gewisse Auswahl vor, und darunter sind 30 wirklich gute Leute. Da erhalten Sie plötzlich die Antwort: Wir wollen nur fünf – die anderen haben nicht gepasst.

«Wenn es mal Probleme gibt, dann hat das eher persönliche Gründe»

Sie schildern da konkrete Erfahrungen?
Ja. Das gilt für die Schweiz wie für Deutschland. Zweifellos gibt es einen grossen Personalbedarf im Pflegebereich. Aber man hat vor allem einen grossen Bedarf an Leuten, die idealerweise schon fünf Jahre Berufserfahrung haben und zugleich bereit sein müssen, für einen vergleichsweise geringen Lohn zu arbeiten. Oft fehlt die Bereitschaft, sich am Personalmarkt und an den Bedürfnissen des Pflegepersonals auszurichten. Das heisst: Man hat nach aussen zwar den erwähnten Personalbedarf von 20 Personen – aber wenn man zugleich jedes Detail der Kandidaten bemängelt, dann müssen wir davon ausgehen, dass der Personalbedarf ein relativer Begriff ist.
Welches Feedback kriegen Sie? Wie gefällt es den spanischen Pflegekräften in den Schweizer Spitälern?
Die Schweiz hat ja einen gewissen Mythos. Die Leute kommen mit einem sehr positiven Bild – mit der Schweiz verbindet man Wohlstand, Ordnung, Disziplin, Organisation und eben auch ein perfekt funktionierendes Gesundheitssystem. Und diese Erwartungshaltung wird nicht enttäuscht. Die Leute, die hier eine Anstellung gefunden haben, sind in der Regel sehr zufrieden.
Und worüber wird geklagt?
Wenn es mal Probleme gibt, dann hat dies eher persönliche Gründe. Oder es gibt vielleicht Heimweh. Aber das hat wenig mit der grundsätzlichen Arbeitssituation zu tun. In der Regel sind die Leute sehr zufrieden, und vor allem sehen sie gute Entwicklungsmöglichkeiten. Das Schweizer Gesundheitswesen ist doch wesentlich besser als jenes von England, Frankreich oder Deutschland, und das bekommt das Pflegepersonal aus Spanien natürlich auch mit.
Die Pflege hat hier auch eine starke Stellung: Verglichen etwa mit Deutschland hat das Pflegepersonal hier ja mehr zu sagen.
Genau, und hier gibt es ebenfalls einen akademisierten Werdegang mit drei Jahren Berufsausbildung und einem zweijährigen Bachelorstudium. Das Berufsverständnis deckt sich gut mit dem, das man im spanischen Pflegebereich kennt. Wer aus Spanien hingegen nach Deutschland kommt, findet dort weder die gleichen Kompetenzen noch einen so attraktiven Lohn, wie man es als studierte Pflegefachkraft in Spanien gewohnt war. Zumindest in den Vorkrisenjahren.
Und umgekehrt: Wie ist das Feedback von Arbeitgeberseite?
Es ist dadurch schwer einzuschätzen, da es sich vorwiegend um jüngere Pflegekräfte handelt. Wir haben es im weitesten Sinne mit Berufsanfängern zu tun, und da ist es ein bisschen schwierig zu unterscheiden, wenn etwas nicht klappt: Sind das jetzt Anfängerfehler oder liegt es an der Ausbildung? Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass die Kliniken zufrieden sind – wir haben kein anderes Feedback.

«Wir spüren, dass sich zunehmend ältere Pflegekräfte für eine Anstellung ausserhalb Spaniens interessieren»

Gibt es auch ältere Leute, die aus Spanien nach Deutschland oder in die Schweiz möchten?
Gerade in diesen berufsvorbereitenden OP-Sprachkursen haben wir einige Leute über 30. Das hängt aber damit zusammen, dass hier ausdrücklich Personen mit erheblicher Berufserfahrung erwünscht sind. Wir machen darüber hinaus die Erfahrung, dass sich zunehmend ältere Pflegekräfte für eine Anstellung ausserhalb Spaniens interessieren. Die Beschäftigungssituation wird in Spanien nicht besser, und mit zunehmender Dauer der spanischen Arbeitsmarktkrise werden auch die Kandidaten älter und erfahrerener.
Von wo kommen die Leute mehrheitlich, aus welchen Gegenden Spaniens?
Das verteilt sich recht gleichförmig übers ganze Land. Aber natürlich ist die Gegend von Madrid als bevölkerungsreichste Region am stärksten vertreten.

Beitrag des spanischen Fernsehens TVE über durch TTA vermittelte Pflegekräfte in Deutschland


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