Praxisangestellte arbeiten am Limit

Die Patienten drängen auf Termine und lassen oft ihre Wut an ihnen aus: Deshalb haben immer mehr Medizinische Praxisangestellte genug und steigen aus.

, 6. Juli 2022, 09:28
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Viele Medizinische Praxisangestellte (MPA) kommen bei ihrer Arbeit täglich an ihre Grenzen. Und zwar nicht erst seit letztem Jahr, als Hunderte von Patienten die Hausarztpraxen geflutet haben, um sich gegen das Corona-Virus impfen zu lassen. Es fehlt auch generell an genug Personal.

In den Top-10 der beliebtesten Lehren

Dabei gehört die Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin seit Jahren zu den zehn beliebtesten Lehren in der Schweiz. Gemäss der Lehrstellenplattform «Yousty» liegen MPA-Lehren dieses Jahr an fünfter Stelle.
Nicole Thönen, Zentralpräsidentin des Schweizerischen Verbands Medizinischer Praxis-Fachpersonen (SVA), bestätigt das gegenüber Medinside: «In der Deutschschweiz werden jedes Jahr etwa 1000 MPA diplomiert.»

1000 unbesetzte Stellen

Offenbar reicht das bei weitem nicht. Denn auf den Stellenportalen sind derzeit meistens über 1000 freie Stellen ausgeschrieben, welche nicht besetzt werden können.
Wie lässt sich das erklären? Für Nicole Thönen gibt es mehrere Gründe: «Von den 1000 Diplomierten entscheiden sich gut zwei Drittel direkt nach der Ausbildung zur MPA, den Beruf gar nicht erst anzutreten», sagt Nicole Thönen. Sie erlernen einen weiteren Beruf oder entscheiden sich eine Höhere Fachschule, eine Fachhochschule oder ein Studium zu absolvieren.

Die Mittagspause sausen lassen

Dazu kommt, dass der Praxisalltag zunehmend stressiger wird. Der Verband hört immer wieder Klagen, dass die MPA viel arbeiten müssen, jedoch wenig Lohn erhalten. Patienten und Patientinnen seien auch aggressiver geworden und würden den MPA wenig Wertschätzung entgegenbringen.
MPA müssen oft ihre Mittagspause sausen lassen oder abends länger arbeiten, weil die Patienten auf Termine drängen – und wenn es nicht nach ihren Wünschen läuft, dann lassen sie oft auch noch ihre Wut an den Angestellten aus.

Es braucht Nerven

Marianne Schenk, Vizepräsidentin des SVA, nennt den Grund für den zunehmend aufreibenden Arbeitsalltag der MPA: «Es gibt immer weniger Hausarztpraxen. Dadurch steigt die Zahl der Patienten pro Praxis teilweise auf ein kaum mehr zu bewältigendes Mass. Wenn Patienten abgewiesen werden müssen, ist es meist die MPA, die das mitteilen muss und dann auch den Reaktionen darauf ausgesetzt ist. Dies erfordert eine hohe Kommunikationskompetenz und Nerven.»
Manche MPA wechseln deswegen von kleinen Praxen in grössere Gruppenpraxen oder in ein Spital. In Spitälern sind MPA immer mehr gefragt: «Oftmals stellen Spitäler MPA an, da sie als Allrounderinnen überall eingesetzt werden können», stellt Nicole Thönen fest. Spitäler können häufig auch höhere Löhne zahlen als Praxen. Dagegen hätte der Verband keine Einwände. Doch Nicole Thönen sagt: «Leider bieten nicht alle Spitäler, die MPA anstellen, auch geeignete Ausbildungsplätze an.» Das müsse ändern, findet sie.

Spitäler sollen sich mehr beteiligen

Der SVA hat ein Ausbildungskonzept entwickelt und stellt dieses für ausbildungswillige Spitäler zur Verfügung. Die Kosten der MPA-Ausbildung tragen derzeit vor allem die Ärzteverbindung FMH und die kantonalen Ärztegesellschaften. Marianne Schenk findet, dass sich Praxen und Spitäler künftig die Kosten und die Ausbildung teilen müssen, um den Nachwuchs zu fördern.
Für die SVA-Vizepräsidentin Marianne Schenk ist es auch ein Problem, dass die MPA zwar unter grossem Personalmangel leiden, aber trotzdem nicht von der Ausbildungsoffensive der Pflegeinitiative profitieren.

Löhne der MPA sind Verhandlungssache

Es gibt Lohnempfehlungen für MPA, welche die Kantonalen Ärztegesellschaften erlassen. Die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich empfiehlt beispielsweise seit 2015 einen Mindestlohn von 4200 Franken pro Monat. In anderen Kantonen sind die Lohnempfehlungen für MPA hingegen tiefer: In Bern sind es 4100 Franken. In Glarus sind es 4000 Franken, im Tessin im ersten Dienstjahr sogar nur 3850 Franken.
Wesentlich mehr wird den MPA im Kanton Genf in Aussicht gestellt: Einsteigerinnen erhalten dort bereits im ersten Berufsjahr 4781 Franken. Auch Basel ist grosszügig. Als Einstiegslohn werden dort 4500 bis 4800 Franken empfohlen.
Der Haken an diesen Empfehlungen ist allerdings, dass diese nicht verbindlich sind. Das führt dazu, dass einerseits auch deutlich tiefere Löhne bezahlt werden, wie vor einigen Jahren eine Umfrage des SVA ergeben hat.
Weil es aber zunehmend schwieriger wird, kompetente und gut ausgebildete MPA zu finden, werden in letzter Zeit aber offenbar auch Löhne gezahlt, die weit über den Empfehlungen liegen, heisst es beim Verband. Das Fazit: MPA-Löhne sind Verhandlungssache.

Gefragte Weiterbildung zur MPK

Zunehmend beliebt bei MPA ist die berufsbegleitende Weiterbildung zur Medizinischen Praxiskoordinatorin (MPK). Im Kanton Zürich etwa erhalten MPK 400 Franken mehr Monatslohn als MPA. Vor allem in Gruppenpraxen sind MPK gefragt, weil sie die Ärzte und Ärztinnen beim administrativen Arbeitsaufwand entlasten können. Pro Jahr bestehen etwa 280 MPA die Berufsprüfung zur MPK.
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