Medikationsfehler: Zwei Fälle pro Hausarzt pro Jahr

Erstmals wurden die Medikationsfehler in Schweizer Haus- und Kinderarztpraxen systematisch erfasst. Dabei zeigte sich: Viele scheinen voraussehbar.

, 11. August 2017, 06:29
image
  • praxis
  • forschung
  • medikamente
Wie werden Medikamente falsch verschrieben oder verabreicht? Und in welchen Zusammenhängen? Ein Team unter der Leitung von Markus Gädinger vom Institut für Hausarztmedizin der Uni Zürich wertete dazu Angaben von 180 Hausärzten und Pädiatern aus, die 2015 Auskunft gaben – im Rahmen des Sentinella-Netzwerks.
Sie sollten alle irrtümlichen Ereignisse mitteilen, welche laut ihrer Einschätzung im Medikationsprozess geschahen und mit einer normalen Behandlung in Konflik gerieten. 


Ein Kernergebnis: Pro Hausarzt kam es – nach allen Hochrechnungen – zu etwas mehr als zwei Medikationsfehlern pro Jahr (2,07); auf 100'000 Patienten-Arzt-Kontakte hochgerechnet lag die Zahl bei 46,5. Viel tiefer fiel die Quote bei den Pädiatern aus: Hier wurden 0,15 Problemfälle pro Jahr gemeldet, macht 2,8 Medikationsfehler pro 100'000 Patientenkontakte.
image
Die häufigsten Medikationsfehler | Grafik: bmj open
Die häufigsten Fehler waren die Abgabe beziehungsweise Verschreibung eines falschen Medikaments, gefolgt von zu hohen Dosierungen sowie, drittens, zu tiefen Dosierungen.
Rund 10 Prozent der Fehler wurde von den Ärzten als sehr gefährlich eingestuft, in knapp 27 Prozent der Fälle schätzten die Mediziner das entstandene Risiko als mässig («moderate») ein, in 43 Prozent der Fälle als leicht.

«…war zu erwarten»

Greifbar wird, dass die befragten Haus- und Kinderärzte offenbar ein Gespür für die Ursachen der Probleme haben: Fast die Hälfte bezeichneten einen jeweils konkreten beschriebenen Fall als vorhersehbar (44,8 Prozent: «Ja, in der gegebenen Konstellation war der Vorfall zu erwarten»). Das heisst also: Die Ärzte wissen um die Risiken gewisser «gegebener Konstellationen».
Wo liegen sie? Als wichtige Ursache erscheint in der Studie der Forscher aus Zürich, Bern und Lausanne erwartungsgemäss Abstimmungsproblemeinterface problems –, die in einem Drittel der Fälle erwähnt wurden. Dabei ergaben sich solche Ungereimtheiten primär im Übertritt zu oder von Spitälern (44 Prozent der genannten Fälle), im Kontakt mit Heimen (22 Prozent), Apotheken (14 Prozent), Spitex (9,5 Prozent) und mit einem Spezialisten (5 Prozent).
Interessant nun die Frage, bei wem die Hauptverantwortung für einen erfassten Medikationsfehler lag. Laut den berichtenden Ärzten war es

  • Der Arzt selbst in 21,5 Prozent der Fälle,
  • die MPA (practice nurse) in 13,6 Prozent der Fälle,
  • das Heim beziehungsweise die Wohninstitution des Patienten in 17,3 Prozent der Fälle,
  • das Spital in 6,3 Prozent der Fälle,
  • die Apotheke in 3,7 Prozent der Fälle,
  • der Spitex-Dienst in 2,1 Prozent der Fälle.

In 7,9 Prozent der Fälle orteten die Ärzte die Hauptverantwortung für einen Medikationsfehler bei den Patienten oder deren Angehörigen.
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Swissmedic gibt grünes Licht für die erste Covid-19-Prophylaxe

Das Schweizerische Heilmittelinstitut erteilt die Zulassung für die Antikörperkombination von Astrazeneca. Es ist die schweizweit erste medikamentöse Prophylaxe für Covid-19.

image

Krebstherapie: St. Galler Forscher erzielt Durchbruch

Lukas Flatz hat gemeinsam mit seinem internationalen Team eine neue, bedeutende Methode entwickelt, um Krebsantigene bei Immuntherapie-Patienten zu erkennen.

image

Blutvergiftung: Experten geben nationalen Aktionsplan bekannt

Just zum Welt-Sepsis-Tag von heute Dienstag lanciert ein Schweizer Experten-Gremium einen Aktionsplan, der die Behandlung von Menschen mit Sepsis verbessern soll.

image

Medikamente: Neues Warnsystem soll Patientensicherheit erhöhen

Das Kantonsspital Aarau hat ein spezifisches System zur Detektion von Medikationsfehlern entwickelt. Dieses soll künftig auch in anderen Spitälern eingesetzt werden.

image

Long-Covid: Uni Zürich präsentiert Studie mit 500 ungeimpften Rekruten

Milde Covid-Infektionen können vorübergehende Long-Covid-Symptome auslösen. Wie die neue UZH-Studie zeigt, stellen Ausdauerschwäche, erhöhte Cholesterin- oder BMI-Werte eine riskante Konstellation dar.

image

Covid: Künstliche Intelligenz soll Mutanten erfassen

ETH-Forschende haben eine neue Methode entwickelt. Diese soll Antikörpertherapien und Impfstoffe hervor bringen, die gegen zukünftige Virusvarianten wirksam sind.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.