Liebes Pflegepersonal, liebe Assistenzärzte: Die da arbeiten nur 6 Stunden pro Tag

Wie funktioniert ein Unispital, wenn man durchwegs die Arbeitszeit senkt? Und wie ein Pflegeheim? Nicht unbedingt schlechter.

, 3. Juni 2016, 10:00
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Das Universitätsspital Sahlgrenska gab gestern bekannt, dass es weitermacht. Und zwar weiter mit einem Pilotprojekt zur Arbeitszeit-Verkürzung, mit dem es in den letzten zwölf Monaten international Beachtung gefunden hat.
Das Unispital von Göteburg ist eines der grössten Krankenhäuser Europas, und seit einem Jahr arbeiten dort die Angestellten in der Orthopädischen Klinik nur noch sechs Arbeitsstunden pro Tag – statt wie zuvor acht. Der Abbau geschah ohne Lohnkürzung.

Zusatzkosten: 125'000 Franken pro Monat

Natürlich hatte dies zuerst einmal Kostenfolgen: 89 Ärzte, Pflege- und sonstige medizinische Fachleute waren betroffen. Also musste das Spital 15 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagieren. Zusatzkosten: rund 125'000 Franken pro Monat.
Interessanterweise stellt sich jetzt aber Spitaldirektor Anders Hyltander hin, und berichtet via Medien aus aller Welt, wie zufrieden er ist mit dieser Lösung. Und wie gesagt: Jetzt will er den Versuch verlängern.
Denn auf der «Ertragsseite» der Arbeitszeit-Kürzung standen tiefere Absenzzeiten, höhere Effizienz und weniger Fehler; dies ergab ein Kontrollbericht, der im April veröffentlicht wurde. Die Angestellten selber berichten, dass sie mit viel mehr Energie ans Werk gehen.

Zusatzertrag: besser ausgenützte OPs

Mit dem neuen, erweiterten Schicht-System werden ferner die Operationssäle stärker ausgenützt. Die betroffene Einheit vollbringt im gleichen Zeitraum nun 20 Prozent mehr Operationen, so dass das Sahlgrenska-Spital Eingriffe vollbringen konnte, die es sonst anderen Krankenhäusern hätte überlassen müssen. Es ergaben sich also neue Einnahme-Möglichkeiten.
Und am Ende, so Anders Hyltander gegenüber der «New York Times», sanken bei den Patienten der Klinik die Wartezeiten für den jeweils notwendigen orthopädischen Eingriff von durchschnittlich über einem Monat auf einige Wochen. So dass sich der Versuch sogar günstig auf die allgemeinen Gesundheits- und Versicherungskosten auswirkte; beziehungsweise dass er dazu beitrug, die Ausfallzeiten der erkrankten Menschen zu verkürzen.

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Kommt hinzu – was wohl nicht überraschend ist –, dass die Pilot-Klinik mehr Stellenbewerber hatte und es leichter hatte, Personal zu rekrutieren.

Landesweiter Versuch

Der Sprung von 8 auf 6 Stunden ist Teil eines landesweiten Versuchs, mit dem die Schweden nach Chancen und Gefahren einer geballten Arbeitszeit-Verkürzung fahnden. Diverse Unternehmen und Institutionen beteiligen sich an Pilotprojekten, von Automobilgaragen über Telecom-Firmen, von Startups bis zu Spitälern.
So auch das Pflegeheim «Svartedalen», ebenfalls in Göteborg, wo das Pflegepersonal im Februar letzten Jahres von Acht- auf Sechs-Stunden-Arbeitstage wechselte. Auch hier musste die Stellenzahl erhöht werden, von 68 auf 82. Ein erstes Zwischenfazit ergab ebenfalls weniger Krankmeldungen – und höhere Pflegequalität. Ob das Experiment hier verlängert wird, ist noch offen.
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