Let’s face it: Krebsmittel kommen auf den Markt, obwohl sie nichts nützen

Evidenzbasierte Medizin? Wie dehnbar der Begriff ist, zeigt eine neue kritische Studie zu den Krebsmedikamenten. Wissenschaftler fordern jetzt neue Standards in der Arzneimittel-Zulassung.

, 6. Oktober 2017, 14:30
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Was ist der Unterschied zwischen den Krebs-Medikamenten früher und heute? Früher waren sie teuer, heute sind sie furchtbar teuer: So die Antwort von Gesundheitspolitikern oder Krankenkassenmanagern. Früher haben sie wenig genützt, heute wirken sie immer besser: Dies würde man von Pharma-Vertretern hören.
Die stärkste Erklärung für die Preisexplosion bei den Onkologika kommt aber stetig stärker unter Druck. Ob aus Europa oder aus Amerika: Die wissenschaftlichen Studien häufen sich, welche ernsthafte Zweifel an den versprochenen, erhofften und durch Schnellzulassungs-Verfahren angeheizten Fortschritten anmelden.
Der neuste Widerspruch ist im «British Medical Journal» nachzulesen. Darin stellen Professoren des King’s College und der London School of Economics fest, dass eine Mehrheit der Krebsmedikamente, die in Europa auf den Markt gelangen, ohne dass der Nachweis ihrer Wirkung erbracht worden wäre – «without clear evidence that they improved survival or quality of life for patients».


Das Team unter Courtney Davis vom Kings-College-Department of Global Health untersuchte dabei die Krebs-Medikamente, welche zwischen 2009 und 2013 von der europäischen Arzneimittelaufsicht EMA zugelassen worden waren.
Dabei zeigte sich, dass viele Mittel bloss auf Basis von indirekten Massstäben durchgewunken wurden – also von gewissen biologischen Veränderungen, die als nützlich erachtet werden, beispielsweise ein etwas verlangsamtes Tumorwachstum. Dieser «Surrogat»-Nutzen muss aber noch lange nicht zur Verbesserung der Lebensqualität oder gar zur Verbesserung der Überlebenschancen beitragen.

«Gesellschaftliche Ressourcen vergeudet»

Die Studie erhebe «ernsthafte Fragen über die heutigen Standards der Arzneimittelregulierung», teilt das BMJ in einer Mitteilung dazu mit. Oder in der Sprache der britischen Forscher selber: «Wenn teure Medikamente, denen ein klinisch bedeutsamer Nutzen fehlt, bewilligt und dann durch öffentliche Gesundheitssysteme bezahlt werden, können einzelne Patienten geschädigt und wichtige gesellschaftliche Ressourcen vergeudet werden; zugleich wird die Versorgung mit zahlbarer medizinischer Behandlung unterminiert.»
Dies ist also eine recht deutliche Anklage gegen eine zunehmend gängige Entwicklung. Konkret melden Davis et al., dass von 68 Krebs-Medikamenten beziehungsweise –Indikationen ganze 39 bloss auf der Grundlage eines angedeuteten Nutzens auf den Markt kamen, also 57 Prozent. In all diesen Fällen erfolgte die Zulassung, obwohl weder eine Lebensverlängerung noch eine Verbesserung der Lebensumstände der Patienten messbar waren.
Die weitere Beobachtung zeigte dann, dass nach fünf Jahren in der Praxis dann 8 Medikamente – von den erwähnten 39 – wirklich messbare Vorteile geboten hatten. Addiert heisst das: Nur ein Tick mehr als die Hälfte aller neuen Krebsmittel schnitten besser ab als ältere Therapien oder als ein Placebo. 
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