Die Emmentaler Gemeinde Wynigen wollte eine Arztpraxis im Dorf behalten – nicht um jeden Preis, aber für immerhin 2,2 Millionen Franken. So viel hätten die 300 Quadratmeter Praxisraum für eine Hausarzt-Gruppenpraxis gekostet.
Schliessung der «Huusarztpraxis Wynige» drohte
Investieren wollten die Gemeinde-Verantwortlichen, weil der Hausarzt Matthias Wildbolz vorhatte, seine «Huusarztpraxis Wynige» nach 27 Jahren zu schliessen. Doch eine Mehrheit der Stimmberechtigten lehnte es ab, dass die Gemeinde mit ihren Steuergeldern eine Arztpraxis finanziert.
Hausarzt findet Praxissubventionen schlecht
Übrigens auch zur Erleichterung des bisherigen Hausarztes. Er wollte nicht, dass die Wyniger ihre Arztpraxis hätten subventionieren müssen. Auf ihren Hausarzt müssen die Dorfbewohner trotzdem nicht verzichten.
Lösung mit einer Praxisfirma gefunden
Denn vor drei Monaten hat das Thuner Unternehmen Medaxo ein Praxiszentrum eröffnet. Dort sind nun die Ärztin Rahel Röthlisberger und der bisherige Hausarzt Matthias Wildbolz als Angestellte tätig. Medaxo betreibt neben der Thuner Klinik Hohmad weitere Arztpraxen im Kanton Bern.
Müssen Gemeinden mehr in Arztpraxen investieren?
Solche Praxisgruppen gibt es immer mehr. Denn viele Dörfer und Gemeinden stehen vor dem gleichen Problem wie Wynigen: Ihr Hausarzt oder ihre Hausärztin will aufhören. Die Frage ist: Kann die medizinische Grundversorgung gesichert werden, indem die Gemeinden Praxen bauen? Die Antwort lautet: Eine Praxis allein bringt noch keine Ärztin und keinen Arzt ins Dorf.
Ärzte müssen bereit sein
Besser helfen kann eine Gemeinde, wenn die Initiative von Hausärzten und Hausärztinnen ausgeht, die bereits gewillt sind, im Ort zu praktizieren, denen es jedoch noch an geeigneten Praxisräumen oder an Kapital mangelt. Auch dann sollten Ärztinnen und Ärzte aber nicht einfach aus der Gemeindekasse finanziert werden.
Flühli hat Genossenschaftspraxis
Unterstützung geben können Gemeinden auch in Form eines Darlehens. Beispiel: Vor vier Jahren beschloss die Gemeindeversammlung des Luzerner Dorfes Flühli, einer Genossenschaftspraxis ein Darlehen von 150 000 Franken zu gewähren.
Nicht gewinnorientiert
Die Genossenschaft ist nicht gewinnorientiert. Sie vermietet die Praxisräume samt der medizinischen Infrastruktur, ist jedoch nicht die Arbeitgeberin der Ärzte. Der Vorteil: Die Ärztinnen und Ärzte können selbständig arbeiten, müssen sich aber nicht für die Finanzierung einer eigenen Praxis verschulden. Ein solches Modell ist für viele junge Hausärztinnen und Hausärzte attraktiv. Und die Gemeinde profitiert.