«Ich habe mir täglich mindestens eine Stunde für einen Rundgang durch die Klinik reserviert»

Im Interview mit Medinside spricht Hirslanden-Direktor Marco Gugolz über die Corona-Pandemie, über ambulante Pauschalen und was die Privatklinikgruppe besonders gut macht.

, 1. Dezember 2020 um 07:16
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Herr Gugolz, Sie sind seit über 100 Tagen Direktor der Hirslanden Klinik in Zürich. Was haben Sie bereits geändert?
Die Klinik hat in der Vergangenheit sehr viel richtig gemacht, sonst wäre sie nicht so erfolgreich unterwegs. Ich bin sehr dankbar und auch stolz, wieder ein Teil dieser grossartigen Unternehmung zu sein. Um mehr von der Basis zu erfahren und näher am Geschehen in der Klinik zu sein, habe ich bereits mehr als 30 Teamsitzungen besucht und werde dies auch weiterhin regelmässig so handhaben.
Was noch?
Wir haben ausserdem die Mitarbeitenden-Infoveranstaltungen neugestaltet, im Sinne eines aktiven Dialogs zwischen dem Management-Team und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Fringe-Benefits-Liste wurde mit vielen neuen und attraktiven Angeboten ergänzt. Des Weiteren pflege ich einen Walking-Around Managementstil und habe mir täglich mindestens eine Stunde für einen Rundgang durch die Klinik reserviert.
Marco Gugolz (45) ist seit 1.8.2020 Direktor der Klinik Hirslanden in Zürich. Er hat eine lange Hirslandenvergangenheit: 2001 bis 2006 Stellvertreter Bereichsleiter Dienste an der Klinik Hirslanden sowie von 2006 bis 2013 Bereichsleiter Operations & Services und Mitglied der Geschäftsleitung der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern.Vor seiner Tätigkeit für Hirslanden ist er sieben Jahren bei Swiss Medical Network (SMN) tätig gewesen, als Regionaldirektor sowie Mitglied der erweiterten Konzernleitung. In dieser Funktion ist er für die Privatkliniken Bethanien, Lindberg und Belair, die Rosenklinik sowie das Ärztezentrum Oerlikon verantwortlich gewesen.
Was sind derzeit die grössten Herausforderungen als Direktor einer Privatklinik?
Die grösste Herausforderung ist die aktuelle Pandemie, in der wir uns befinden und die unseren Klinikalltag prägt. Die Klinik Hirslanden unterstützt als eines der vier grössten Covid-A- Spitäler - zusammen mit dem USZ, dem Triemli und dem Kantonsspital Winterthur – mit allen Kräften die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im Kanton Zürich. Wir als Klinik stehen täglich vor der Entscheidung, welche Eingriffe wir am nächsten Tag durchführen können und welche verschoben werden müssen. Dabei ist es uns enorm wichtig, dass es zu keiner Diskriminierung kommt zwischen Non-Covid-19- und Covid-19-Patienten, und unsere hohe Qualität betreffend medizinische Behandlung und Service immer bestehen bleibt.
«Wir machen Spitzenmedizin und haben gelernt, mit sinnvollen und fairen Regulierungen umzugehen.»
Was ist mit dem überall diskutierten Fachkräftemangel?
Fachkräftemangel ist schon länger ein Brennpunkt und wird auch in Zukunft ein allgegenwärtiges Thema bleiben. Deshalb ist Aus- und Weiterbildung sehr wichtig. Wir bilden als Listenspital des Kantons Zürich aktiv aus. Aktuell sind es circa 250 Personen inklusive Assistenz- und Oberärzte. Ich bin persönlich ganz besonders stolz darauf, dass wir so viele Aus- und Weiterbildungsplätze anbieten können. Die Klinik Hirslanden ist in sehr vielen Kantonen gelistet und hat eine Vielzahl von schweizweiten Aufträgen für hochspezialisierte Medizin. Wir machen Spitzenmedizin und haben gelernt, mit sinnvollen und fairen Regulierungen umzugehen.
Wie erleben Sie die Corona-Pandemie als Klinikdirektor?
Das Zusammenspiel und die gegenseitige Hilfestellung aller Covid-A- und B-Spitäler des Zürcher Spitalverbands VZK und der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich ist vorbildlich. Die Spitäler tauschen sich dreimal in der Woche aus und unterstützen sich gegenseitig. Ich bin auch sehr dankbar, dass wir im Kanton Zürich auf eine pragmatische Gesundheitsdirektion zählen dürfen, die gerade in einer solchen Pandemiephase in Absprache mit den Leistungserbringern zielführende Lösungen sucht.
Warum? Was sind die grössten Schwierigkeiten im Kanton?
Die Ausgangslage präsentiert sich in den jeweiligen Regionen der Schweiz unterschiedlich – entsprechend muss man jede Region individuell anschauen und nicht alles über einen Kamm scheren. Natürlich braucht es dabei Solidarität: Die Spitäler im Kanton Zürich haben beispielsweise bereits etliche ausserkantonale Patientinnen und Patienten aufgenommen und nehmen ihre Verantwortung im Sinne der Solidarität mit den anderen Kantonen sehr ernst.
«Von gewissen Medienschaffenden und angeblichen Fachexperten fehlt mir teils etwas diese Bescheidenheit und das Augenmass.» 
Und wie zufrieden sind Sie mit der Politik des Bundesrates?
Ich denke, es ist sehr herausfordernd für unsere Landesregierung, immer die richtigen Entscheide zu fällen im Sinne der Gesundheit aber auch im Sinne der Wirtschaft. Es ist eine Illusion zu meinen, man könne bei einer Pandemie etwas mit absoluter Gewissheit behaupten, denn vieles wird bis zum Schluss unklar und nicht voraussehbar bleiben. Von gewissen Medienschaffenden und angeblichen Fachexperten fehlt mir teils etwas diese Bescheidenheit und das Augenmass. Das undifferenzierte Kritisieren des Bundesrates ist aus meiner persönlichen Sicht nicht förderlich. Wir brauchen eine sachliche Diskussion, frei von Panikmache und Verharmlosung - auch oder gerade in der jetzigen Krisensituation.
Andere Frage: Wie stark beschäftigt Sie das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen?
Das Thema Digitalisierung ist ein Dauerbrenner und wird uns in Zukunft noch stärker beschäftigen. Ich sehe die Digitalisierung als grosse Chance. Mit den richtigen Tools können wir schneller und zuverlässiger Informationen mit unseren Patientinnen und Patienten austauschen. Auch unser medizinisches Personal sollte von der Digitalisierung profitieren, indem es von administrativen Aufgaben entlastet wird, was gerade auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken wird. Zudem eröffnet die Digitalisierung neue Möglichkeiten in der Diagnostik und Behandlung, zum Beispiel die Robotik in der Chirurgie oder die Bildanalyse durch intelligente Systeme in der Radiologie. Man muss aber auch eingestehen, dass wir in der Schweiz in der Pandemie feststellen mussten, dass wir anderen Ländern hinterherhinken. Hirslanden investiert darum besonders in diesen Bereich.
Die beiden Zürcher Hirslanden-Kliniken liegen knapp 20 Minuten voneinander entfernt. Welche Synergien werden genutzt?
Die Klinik Hirslanden mit 335 Betten ist im Kanton Zürich und in weiteren Kantonen gelistet und hat eine Vielzahl von schweizweiten Aufträgen für hochspezialisierte Medizin. Wir sind für alle Versicherungsklassen ein Zentrumsspital für Spitzenmedizin. Die Klinik Im Park ist mit ihren 114 Betten im Kanton Zürich als Vertragsspital eine Perle, aber darf nur zusatzversicherte Zürcherinnen und Zürcher behandeln.
Was hat das für Auswirkungen auf Ärzte und Patienten?
Wir haben über die Jahre dafür gesorgt, dass viele unserer Ärztinnen und Ärzte sowohl in der Klinik Hirslanden als auch der Klinik Im Park arbeiten. Diese sehr enge Zusammenarbeit hat zum Beispiel aktuell den Vorteil, dass zusatzversicherte Patientinnen und Patienten, die aufgrund der hohen Auslastung infolge der Pandemie an der Klinik Hirslanden nicht rasch genug aufgenommen werden können, nun von ihren Ärztinnen und Ärzten an der Klinik Im Park behandelt werden.
Worin liegen die wesentlichen Angebotsunterschiede der beiden Häuser?
Grundsätzlich sind die beiden Kliniken vom Leistungsspektrum her ähnlich aufgestellt. Wie gesagt arbeiten viele Ärztinnen und Ärzte an beiden Standorten. Der grosse Unterschied liegt im regulativ bedingten Faktum, dass die Klinik Hirslanden Zugang für alle Versicherungsklassen für die gesamte Schweizer Bevölkerung anbieten darf; die Klinik Im Park hingegen darf nur für ausgewählte Kantone wie Schwyz, Glarus und Graubünden Zugang für grundversicherte Patientinnen und Patienten anbieten.
«An der Klinik Hirslanden haben wir 47 Forschungsaufträge und 14 FMH-Weiterbildungsstätten.»
Was sind Gemeinsamkeiten?
Beide Kliniken haben eine Notfallstation und eine Intensivstation. Von den grossen Qualitätsanstrengungen der Klinik Hirslanden profitiert auch die Klinik Im Park. So hat z.B. die Klinik Hirslanden 8 Krebsthemenfeldern nach Kriterien der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifiziert und betreibt eines von zwei zertifizierten Stroke-Zentren im Kanton Zürich. Durch die umfassenden Leistungsaufträge ergibt sich für die Klinik Hirslanden zudem die Pflicht zur ärztlichen Weiterbildung, Forschung und Lehre. An der Klinik Hirslanden haben wir 47 Forschungsaufträge und 14 FMH-Weiterbildungsstätten.
Derzeit laufen überall Diskussionen um ambulante Pauschalen? Was halten Sie von dieser Idee?
Grundsätzlich begrüssen wir eine vereinfachte Abrechnung ambulanter Leistungen. Die ambulanten Tarife müssen jedoch - unabhängig der Tarifstrukturleistungsgerecht und auch im Bereich der Grundversicherung kostendeckend sein, was aktuell nicht der Fall ist.
Was würde die Situation verbessern?
Ganz generell braucht es im ambulanten Bereich Innovationen, so zum Beispiel auch bei den Versicherungsprodukten. Hier sind Zusatzversicherungsprodukte analog zum stationären Bereich notwendig. Patientinnen und Patienten können nicht nachvollziehen, warum ihre Spitalzusatzversicherung bei ambulanten Eingriffen im Spital nicht gelten soll. Hirslanden erarbeitet aktuell gemeinsam mit Medbase und ausgewählten Versicherern an solchen attraktiven Modellen.
Hirslanden erzielt locker eine Ebitda-Marge über 10 Prozent. Was macht Hirslanden besser als viele öffentliche Spitäler?
Als privates Unternehmen sind wir es uns gewohnt und auch darauf angewiesen, effizient und leistungsorientiert zu arbeiten, insbesondere da wir alle unsere Investitionen aus dem eigens erwirtschafteten Gewinn finanzieren müssen. Dabei profitieren wir davon, eine Gruppe zu sein, sei es in Form von Skaleneffekten oder auch durch die Nutzung von Synergien. So oder so, eine EBITDAR-Marge von 10 Prozent oder mehr zu erreichen, muss das Ziel eines jeden Spitals sein. Diese Marke gilt in der Branche als Voraussetzung dafür, dass ein Spital längerfristig wirtschaftlich überhaupt gesund bleiben kann.
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