Warum diese häufige OP nur bedingt zu empfehlen ist

Bei einem Riss der Schultermuskulatur lässt sich durch konservative Behandlungen Geld sparen: 90 Millionen Franken in fünf Jahren.

, 3. Februar 2020 um 06:00
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Das Fachgremium des Swiss Medical Board (SMB) hat die operative und die nicht-operative Behandlung von Rissen der Rotatoren-Manschette des Schultergelenks verglichen. Das SMB hat dabei mit einem Health Technology Assessment (HTA) die Wirksamkeit und Sicherheit der beiden Behandlungsmethoden verglichen – und die wirtschaftlichen Auswirkungen bewerten lassen.
Rotatoren-Manschettenrisse kommen in der Bevölkerung recht häufig vor (siehe Box unten). Das Resultat der zehn klinische Studien umfassenden Analyse: Beide Methoden führen zu einer Verbesserung der Symptome, die Operation etwas stärker. Doch trotz gewisser Vorteile spricht die gesundheitsökonomische Analyse eher für die konservative Behandlung, wie das SMB nun feststellt. 

Zum Beispiel Physio statt Operation

In einer Modellrechnung mit einem Zeithorizont von fünf Jahren nach der Operation war die konservative Methode pro Fall nämlich rund 7'000 Franken günstiger als die chirurgische Behandlung. Die geschätzten Mehrkosten durch die Operation betrugen in diesem Modell schweizweit rund 90 Millionen Franken pro Jahr. 
Aus Sicht des Expertenrates begünstigen die Resultate der gesundheitsökonomischen Analyse daher eher die konservative Behandlungsstrategie, wie das unabhängige Kompetenzzentrum für Health Technology Assessment weiter festhält. Diese umfasst etwa Physiotherapie, Schmerzmedikamente sowie Steroid-Injektionen. 

Jeder Fünfte erleidet einen Riss

Als Rotatoren-Manschette wird eine Gruppe von vier Muskeln bezeichnet, die am Schulterblatt entspringen und gemeinsam am Oberarmkopf ansetzen. Die Aufgabe dieser Muskeln besteht darin, den Oberarm zu bewegen und das Gelenk zu stabilisieren. Risse in der Rotatoren-Manschette gehören zu den häufigsten Schädigungen des Bewegungsapparates; sie können durch einen Unfall bedingt sein oder durch Abnützung entstehen. Bei rund 20 Prozent aller Menschen tritt im Laufe des Lebens ein Riss der Rotatoren-Manschette auf; er wird aber oft nicht als solcher erkannt. Die Häufigkeit solcher Risse nimmt mit dem Alter zu. Risse können die Schulterfunktion, die Aktivitäten des täglichen Lebens oder die Lebensqualität beeinträchtigen. Sie können zu längerer Arbeitsunfähigkeit führen und hohe Kosten verursachen. 

Unterschiede bezüglich Wirksamkeit «moderat»

Während die operative Behandlung bessere Ergebnisse bezüglich Schulterfunktion und Schulterschmerzen zeigte, bestanden bezüglich Bewegungsausmass im Schultergelenk und Muskelkraft keine Unterschiede zwischen den beiden Methoden. Der Expertenrat kam daher zum Schluss: Die Unterschiede bezüglich Wirksamkeit sind insgesamt «moderat».
Allerdings gilt es laut SMB zu berücksichtigen: Patienten mit Rotatoren-Manschettenrissen unterscheiden sich oft deutlich voneinander und bestimmte Patientengruppen könnten wahrscheinlich stärker von einer Operation profitieren. Da im schweizerischen Kontext beide Behandlungsmethoden als akzeptabel und für alle Patienten zugänglich seien und gleichzeitig die wissenschaftlichen Befunde nur eine beschränkte Aussagekraft hätten, gab der Expertenrat schliesslich eine Empfehlung zugunsten der chirurgischen Behandlung von Rotatoren-Manschettenrissen ab.

Gewisse Bedingungen für einen Eingriff

Es sollten aber gewisse Bedingungen für eine Operation erfüllt sein, heisst es weiter. Dies sei zum Beispiel eine Selektion der zu operierenden Patienten auf Grund ihrer Symptomatik und Aktivitäten. Und die umfassende Information der betroffenen Patienten sowie die Einrichtung eines Registers. In diesem wäre der Langzeitverlauf der verschiedenen Behandlungsmethoden in einem grossen Patientenkollektiv zu dokumentieren.


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