Wie und was ein Hausarzt wirklich denkt

Guido Loretan aus der Walliser Gemeinde Susten geht nach fast 40 Jahren als Hausarzt in Pension. Hier die schönsten Zitate aus einem Interview.

, 17. August 2017, 07:53
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Der 72-jährige Hausarzt Guido Loretan hat dem Walliser Nachrichtenportal «1815.ch» einen sehr persönlichen Einblick in sein Schaffen gegeben. 
Eine Auswahl der 20 schönsten Zitate im Interview: 
  • «Der Doktor» war seinerzeit (1970er) fast ein Familienmitglied, entsprechend gross war auch das Aufgabengebiet. Ich wurde zum Beispiel um Hilfe gebeten, wenn der Familienhund erkrankte.
  • Ich erinnere mich zum Beispiel auch da­ran, dass mich einmal ein Bauer aus den Sonnenbergen um Hilfe bei der Anschaffung eines Traktors bat. (…) ich war der einzige Mensch, den er kannte, der studiert hatte. Also sollte ich einen Blick in seine Bücher werfen (…)
  • Das Verhältnis zu den Patienten ist technokratischer und distanzierter geworden.
  • Dinge, die die Sexualität betreffen, waren früher in der Öffentlichkeit tabu. Gegenüber dem Arzt wurde aber recht offen darüber gesprochen. Heute falle dies den Menschen zunehmend schwerer.
  • Das Menschliche in der Beziehung zwischen Arzt und Patient ist zwar nicht ganz verschwunden, hat aber an Bedeutung verloren.
  • Die positivste Veränderung in seiner Zeit als Arzt waren die sogenannten bildgebenden Verfahren, wie Ultraschall oder MRI.
  • Dieser Fortschritt habe aber auch seine Schattenseiten: «Ich glaube jedoch, dass «sehen, hören, fühlen», für mich sehr zentrale Tätigkeiten im Arztberuf, dadurch ein bisschen auf der Strecke bleiben.
  • Die Medizin muss sich definitiv die Frage gefallen lassen, ob wirklich alle angeordneten Untersuchungen auch sinnvoll sind.
  • Genauso kritisch müssen wir uns mit der Pharmakologie, der Pharmaindustrie und den Preisen für Medikamente befassen. Es werden meiner Meinung nach eindeutig zu viele Medikamente verschrieben.
  • Zudem sind diese (Medikamente) in der Schweiz schlicht zu teuer. So teuer, dass man das Vorgehen der Pharmaindustrie schon als ­Abzocke bezeichnen kann. Gleichzeitig tut die Politik viel zu wenig dagegen.
  • Jeder Arzt sollte sich daher fragen: «Braucht es die Operation wirklich? Muss ich dieses Medikament zwingend verschreiben?» Dazu gehört auch, dass man teilweise die Forderungen der Patienten nach zusätzlichen Untersuchungen und Medikamenten zurückweist.
  • (Google) führt aber dazu, dass einige Patienten sich selbst eine Diagnose stellen, die schlicht falsch ist. Als Arzt muss man dann viel Zeit aufwenden, diesen Patienten zu erklären, warum sie sich irren. Wenn Medizin so einfach wäre, wie manche sich das vorstellen, hätte ich vier Wochen und nicht sieben Jahre für mein Studium gebraucht. Symptome allein sagen noch nicht viel aus.
  • Der Patient ist heute durch die ihm zu Verfügung stehenden Informationen einiges misstrauischer gegenüber unserer Arbeit, was zu unnötigen Blockaden im Behandlungsprozess führen kann.
  • Ich begrüsse andererseits, dass die Patienten heute besser informiert sind als früher. Ich empfehle meinen Patienten teilweise auch, sich mit ihrer Krankheit im Internet auseinanderzusetzen. Wichtig ist aber, dass man uns Ärzte zuerst unsere Arbeit machen lässt.
  • Vor 15 Jahren ist er selber an Dickdarmkrebs erkrankt: «Ich denke, dass ich seit dieser Zeit Krebskranke anders verstehe und eine grössere Verbindung zu ihnen habe. Zudem habe ich das Gefühl, dass ich durch mein eigenes Erkranken anderen Krebspatienten mehr Mut machen und Kraft geben konnte, als wenn ich nicht erkrankt wäre.»
  • (…) ich würde auch wieder Hausarzt werden und nicht Spezialist. Ich finde, der Beruf Hausarzt hat eine sehr grosse Bedeutung für unsere Gesellschaft und muss darum gestärkt werden.
  • Aber, obwohl ich den Beruf wieder ergreifen würde, würde ich doch einige Sachen anders machen. Ich würde mir mehr Zeit für mich und meine Familie nehmen.
  • Vielfach konnte ich diesen betagten Menschen allein dadurch helfen, dass ich mich hingesetzt und mit ihnen gesprochen habe. Oft brauchte es nicht einmal die grosse Medizin. Die Dankbarkeit, die mir diese Menschen entgegengebracht haben, hat mir am meisten Freude in meinem Berufsleben bereitet.
  • Ich hatte immer das Gefühl, nirgends hingehen zu können, ohne gleich «der Arzt» zu sein. Darum habe ich mein Privatleben bewusst abgeschottet.
  • Es gibt viele Dinge, die ich noch in Angriff nehmen möchte, zum Beispiel kann ich mir gut vorstellen, dass ich an der Uni noch eine Fremdsprache lernen werde.

Das ganze Interwiew: «Es werden eindeutig zu viele Medikamente verschrieben», in: «1815.ch», 17. August 2017.

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