«Es braucht auch in der Betreuung einen gewissen Minimalstandard»

Die Spitex-Unternehmerin Barbara Radtke entwickelte einen Kurs, der den Einstieg in Pflege und Betreuung erleichtern will. Damit soll auch das Potential an inländischen Mitarbeitern besser ausgeschöpft werden.

, 7. Januar 2016, 13:26
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Frau Radtke, Sie haben mit und für die Migros-Klubschulen einen «Basiskurs Betreuung» entwickelt. An wen richtet sich dieses Angebot?
An Leute, die im Bereich der Betreuung schnuppern wollen: Das können Menschen sein, die vorher einen völlig anderen Job hatten – also Quereinsteiger. Oder Leute, die über 50 sind und sich beruflich nochmals neu orientieren wollen. Zum Teil sind es auch Personen, die bereits in bestimmten Organisationen Betreuungsdienste leisten, etwa bei Pro Senectute oder beim Tixi-Fahrdienst.
Basiskurs Betreuung. Die Klubschule Migros bietet ab Dezember schweizweit einen Basiskurs für die Betreuung von älteren und pflegebedürftigen Personen an. Mit einem niederschwelligen Angebot soll vielen Interessierten ein Einstieg in die Branche eröffnet werden. 
Barbara Radtke hat diesen «Basiskurs Betreuung» entwickelt. Die Unternehmerin und ehemalige Pflegefachfrau hatte zuvor unter anderem die private Spitex zur Mühle AG aufgebaut. Mit ihrer Firma Goldstück AG wird sie das Angebot bei der Klubschule Migros weiterentwickeln.
Ein wichtiger Aspekt sind auch die pflegenden Angehörigen, die bereits heute einen sehr grossen Teil der Betreuung zuhause übernehmen, meist ohne Vorbildung. Hier helfen wir mit Inputs, einer neuen Sichtweise und fachlichem Wissen. Dies verhindert eine Überforderung und ein Burnout. Aus diesem Grund unterstützt auch Helsana diesen Basiskurs.
Es geht also um einen niederschwelligen Einstieg in Pflege und Betreuung. Wie ist das Profil jener Personen, die bereits solch einen Kurs abgeschlossen haben?
Bislang haben etwa 120 Personen den Kurs absolviert, davon waren etwa 90 Prozent Frauen. Vom Alter her ist das Gros der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – etwa 80 Prozent – zwischen Mitte 40 und Anfang 60.
Damit so ein Kurs attraktiv wird, muss der entsprechende Ausweis auch von vielen Institutionen gewürdigt und anerkannt werden – etwa von Heimen oder von Spitex-Organisationen. Wie können Sie das sicherstellen?
Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz. Etwa 30 Absolventen des Basiskurses konnten im Herbst 2015 und im Januar 2016 einen verkürzten SRK-Pflegehelferkurs machen. Das SRK akzeptierte das also. Jetzt, wo der Basiskurs Betreuung mit den Migros Klubschulen schweizweit durchgeführt wird, wurde es den SRK Kantonalverbänden zu aufwändig, in allen Kantonen einen verkürzten Kurs anzubieten.
Jedoch empfehlen wir weiterhin allen Absolventen, die in einer Organisation oder einem Heim arbeiten möchten, den ganzen Pflegehelferkurs SRK zu absolvieren. Private und öffentliche Spitex-Organisationen haben bereits etliche unserer Absolventen angestellt.

«Solch ein Kurs stärkt die Betreuungspersonen in der Wahrnehmung, wann es sinnvoll ist, einen Pflegeprofi beizuziehen»

Weiter sind wir eine Anlaufstelle für die IV und die Sozialämter der Gemeinden und Kantone. Wer sich dort für einen Wieder- oder Quereinstieg in die Betreuung interessiert, wird zuerst in unseren Kurs geschickt.
Warum sollte man also nicht gleich direkt den Pflegehelfer-Kurs machen?
Unser Kurs ist ein erster Eintritt, der eine Idee verschaffen soll, was einen in der Betreuung erwartet. Wer gleich den Pflegehelferkurs absolviert und mehrere tausend Franken und 20 Tage investiert, kann am Ende auch frustriert sein – nämlich wenn die Tätigkeit doch nicht das ist, was man erwartet hat. Wir sind wie ein Sprungbrett, ob für Leute, die sich danach selber anbieten wollen, oder für andere Leute, die später zum Beispiel im Spitex-Bereich arbeiten wollen. Wir sagen auch: Wir bilden nicht für die Pflege aus, sondern für Betreuung.
Was antworten Sie, wenn Pflegeprofis das Gefühl kriegen, hier werde ihr Beruf quasi durch eine Schnellbleiche-Ausbildung konkurrenziert?
Solche Statements gibt es natürlich. Es kommt vor, dass unser Basiskurs quasi als «Migros-Budget-Kurs» missverstanden wird. Wichtig zu wissen ist: Im Bereich der Betreuung gibt es noch keinen Qualitäts-Standard, den eine Betreuungs-Organisation erfüllen muss. Heute kann jeder betreuen. Wir sehen dies etwa bei den Care-Migrantinnen oder bei den vielen neuen Betreuungsorganisationen.
Einen Qualitätsstandard gibt es bloss im Bereich der Pflege, wo Organisationen, die von den Kassen anerkannt sind, als Mindeststandard den Pflegehelfer-Kurs für Grundpflege-Leistungen verlangen. Aber 80 Prozent des Angebots von Betreuungsorganisationen, aber auch der meisten privaten Spitex-Organisationen ist Betreuungsleistung; und nur etwa 20 Prozent ist Pflegeleistung. Diese medizinischen und pflegerischen Pflegeleistungen sollen nach wie vor von entsprechend ausgebildetem Personal durchgeführt werden, ganz klar. So stärkt ein solcher Kurs die Betreuungspersonen in der Wahrnehmung, wann es sinnvoll ist, einen Pflegeprofi beizuziehen.

«Ziel ist die erste Plattform, bei der man sagen kann: Hier steht ein qualitatives Niveau von Betreuungspersonen dahinter»

Weiter sollten wir auch Möglichkeiten schaffen, dass wir das Potential von inländischen Mitarbeitenden noch stärker nutzen können. Zum Beispiel Menschen, die dann vom RAV oder von der IV wegkommen. Darum schicken auch diese Organisationen immer wieder Personen in unsere Kurse. Ziel sollte es sein, dass es am Schluss einen Minimalstandard gibt im Bereich der Betreuung – einen Standard, den dann zum Beispiel auch ausländische Care-Migrantinnen und auch hiesige Betreuungsorganisationen erfüllen müssen.
Solch ein Basiskurs wäre besonders attraktiv, wenn er auch zu Beziehungen verhilft – sei das über Praktika, sei das zu Arbeitgebern, sei das zu Vermittlungsplattformen. Wie sehr tut er das?
Wir haben gute Beziehungen zu etlichen Pflegeheimen und Betreuungsorganisationen, wo die Leute Praktika machen können oder eine Anstellung finden. Weiter haben wir 2015 zusammen mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit organisiert zwei «Job-Speed-Datings» und so sicher 30 Personen zu einer Anstellung im Gesundheitswesen verholfen. Ferner sind wir daran, eine Online-Plattform aufzubauen – dies wird die erste Plattform sein, bei der man sagen kann: Hier steht ein qualitatives Niveau von Betreuungspersonen dahinter.
Heute gibt es zwar schon einige Plattformen, jedoch kann sich dort jeder für Betreuungs-Aufgaben registrieren. Auf unsere Plattform können nur Leute, die mindestens solch einen Basiskurs vorzuweisen haben. Dabei arbeiten wir mit Quitt.ch, Adecco, Helsana und MediService sowie weiteren lokalen Partnern zusammen.  
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