Staubige Papiere, lose Zettel, offene Patientenpapiere: Ist das wirklich besser?

Ein bemerkenswerter Essai zeigt, was eine neue Medizinergeneration von den Widerständen gegen die Digitalisierung hält.

, 30. November 2015, 16:35
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Worin unterscheidet sich das Gesundheitswesen von anderen Branchen? Zum Beispiel darin, dass der Fax immer noch ein rege genützes Kommunikationsmittel darstellt.
Weshalb das so ist? Wegen der Datensicherheit – so hört man.
Es ist ein bekanntes Phänomen, dass die zögerliche Digitalisierung des Branche gern mit dem Datenschutz erklärt wird. Aber wer sich ein bisschen damit auseinandersetzt, hat rasch seine Zweifel, wie stichhaltig dies wirklich ist: Warum eigentlich soll die analoge Datenwirtschaft sicherer sein?
Diese Gegenfrage steht im Kern eines interessanten Beitrags, den zwei deutsche Jungmediziner jüngst veröffentlicht haben: «Der Blick einer neuen Medizinergeneration auf Telemedizin und das Arztsein im Internetzeitalter», aufgeschaltet im Blog «Medizin und neue Medien».

Wo bleibt die Diskretion am Telefon?

Jesaja Brinkmann und Pascal Nohl-Deryk, Jahrgang 1989 und 1991, möchten eine Gegenstimme erheben in einer Debatte die bekanntlich von einer etablierteren Generation bestimmt wird – und damit auch von allerhand Abwehrreflexen (ob in Deutschland oder in der Schweiz).
Da wäre eben der Punkt der Datensicherheit: Brinkmann und Nohl-Deryk sahen sich bereits als Medizinstudierende in den Spitälern und Praxen dermassen oft mit Datenlücken konfrontiert, dass man es hier ja wohl mit strukturellen Problemen zu tun haben dürfte. Zum Beispiel:

  • Patientenbefunde und Arztbriefe, die recht offen herumliegen.
  • Räume mit Patientendokumenten, die leicht für Dritte zugänglich sind.
  • Telefongespräch über Patientendaten in Anwesenheit anderer.
  • Übermittlung von Befunden oder Briefen auf Telefonanruf und ohne weiteren Identifikationsnachweis.

Die beiden Autoren drehen also den Spiess um: Es entstehe «der Eindruck, dass aktuell im Gesundheitswesen erhebliche Probleme bezüglich des Datenschutzes und -sicherheit bestehen, die bisher jedoch weitläufig akzeptiert wurden.» Anders gesagt: Höchste Zeit für mehr Digitalisierung.

«…nicht zuordungsbare Befunde»

Insgesamt wollen die beiden Autoren – aktiv in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden beziehungsweise der European Medical Students' Association – also eine neue Position stärker ans Licht bringen. Sie besagt: Wir, die junge Generation, möchten die Möglichkeiten der Digitalisierung engagierter nutzen.
«Betrachtet man die technischen Möglichkeiten, wirkt die Verwaltung im deutschen Gesundheitswesen anachronistisch», schreiben sie zum Beispiel. «In dem klinischen Alltag, der meist von teildigitalisieren Systemen bestimmt ist, verstauben weiterhin Daten von Patienten in Aktenschränken, fliegen lose, nicht zuordnungsbare Befunde herum und wird eine Mischung aus analoger und digitaler Datenspeicherung betrieben. Gleichzeitig sind die Leistungserbringer im Gesundheitswesen schlecht vernetzt.»
Auch das noch kaum genutzte Potential der Telemedizin wird als Lücken-Beispiel genannt – beschrieben aus der Perspektive jener Ärzte, die «letztlich damit werden arbeiten müssen, was jetzt beschlossen wird.» Google-informierte Ärzte, Fernbehandlungen, Mediziner-Diskussionsforen: Das erscheint Nohl-Deryk und Brinkmann überhaupt nicht als problematisch; sondern in ihrer Perspektive stellt sich höchstens die Frage, wie man ein paar Fehler vermeidet. Um dann die Möglichkeiten umso vollständiger nutzen zu können.
Wie gesagt: Die Debatte ist eigentlich nicht neu – aber hier findet sich ein erfrischend umgedrehter Blick auf Argumente, die meist herumgereicht werden. In Deutschland, aber bekanntlich hierzulande ebenso.
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