Das Medikament aus dem Kleiderschrank

Empa-Forschende haben Textilfasern entwickelt, die gezielt Heilmittel abgeben können.

, 11. Juli 2024 um 05:08
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Empa-Forscherin Edith Perret entwickelt spezielle Fasern, die Medikamente gezielt abgeben können. Bild: Empa
Medizinische Produkte wie Salben oder Spritzen stossen an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Medikamente lokal und über längere Zeit kontrolliert abzugeben. Aus diesem Grund entwickeln Empa-Forschende Polymerfasern, die einen flüssigen Kern aus medizinischen Wirkstoffen enthalten.
Diese Flüssigkernfasern enthalten Medikamente im Inneren und können zu medizinischen Textilien wie Nahtmaterial, Wundverbänden oder Textilimplantaten verarbeitet werden, so die Mitteilung der Empa.

Vorteile

Die Vorteile liegen auf der Hand: Wird eine Wunde oder Entzündung direkt am Ort der Entstehung behandelt, ist der Wirkstoff sofort am Ziel, und negative Nebenwirkungen auf unbeteiligte Körperteile entfallen. Möglich ist auch, den Wirkstoff aus einem Reservoir über einen längeren Zeitraum freizusetzen.
  • Die medizinischen Fasern könnten aber auch ins Körperinnere geführt werden und dort Hormone wie Insulin abgeben, so Perret.
  • Ein weiterer Vorteil: Fasern, die ihr Medikament freigesetzt haben, können erneut befüllt werden. Die Palette der Wirkstoffe, die mittels Flüssigkernfasern verabreicht werden könnten, sei gross: Neben Schmerzmitteln sind entzündungshemmende Medikamente, Antibiotika oder sogar Lifestyle-Präparate denkbar.
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Leuchtende Fasern: Polymerfasern mit einem flüssigen Kern können Medikamente abgeben. Bild: Empa

Pullover aus Ibuprofen?

Ein gestrickter Pullover mit integriertem Schmerzmitteldepot? Theroretisch denkbar, denn mit einem Durchmessern von 50 bis 200 Mikrometern sind die Fasern gross genug, um sie zu robusten Textilien zu weben oder zu stricken.
«Dank einer Vielzahl verschiedener Parameter lassen sich die Eigenschaften der medizinischen Fasern präzise steuern», wird Perret in einer entsprechenden Mitteilung der Empa zitiert. Ihr Team hat in Laborversuchen den Einfluss von Dicke und Struktur der Fasern auf die Abgaberate der Wirkstoffe aus dem Kern analysiert. Wirkstoffe aus kleinen Molekülen treten durch die Struktur des Aussenmantels aus, grössere Moleküle an den Enden der Fasern.
«Kleine Moleküle wie das Schmerzmittel Ibuprofen etwa, bewegen sich nach und nach durch die Struktur des Aussenmantels», so Edith Perret.
Für temperaturempfindliche Wirkstoffe können die Fasern zunächst mit einem Platzhalter im Flüssigkern produziert werden, der später durch den eigentlichen Wirkstoff ausgetauscht wird. Im nächsten Schritt wollen die Forschenden nun chirurgisches Nahtmaterial mit antimikrobiellen Wirkstoffen herstellen.
In einem nächsten Schritt wollen die Forschenden chirurgisches Nahtmaterial mit antimikrobiellen Eigenschaften ausstatten. Mit dem neuen Verfahren sollen verschiedene Flüssigkernmaterialen mit medizinischen Wirkstoffen befüllt werden, um Gewebe bei einer Operation so zu vernähen, dass Wundkeime keine Chance haben, eine Infektion auszulösen.
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