«Die Schiffsmedizin orientiert sich an der Notfallmedizin»

Der Mediziner Jörg Gaiser pendelt zwischen seiner Hausarztpraxis an Land und dem Bordhospital auf hoher See. Im Interview erzählt er, wie er die beiden Welten verbindet.

, 3. Januar 2018, 13:54
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Herr Gaiser, wie sind Sie Schiffsarzt geworden?
Jörg Gaiser: Neben meiner Tätigkeit als Hausarzt leiste ich in meinem Landkreis Notfalldienste und mache bei der Notarztbörse mit. Über eine Weiterbildung bei einem Anbieter für Fortbildungen in maritimer Medizin kam ich mit der Schiffsmedizin in Kontakt. Die Schiffsmedizin orientiert sich stark an der Notfallmedizin. Die meisten Anforderungen erfüllte ich bereits. Also absolvierte ich die fehlenden Kurse und bewarb mich.  
Was schätzen Sie an Ihrer Tätigkeit als Schiffsarzt?
Ich sehe das als Abwechslung zur Routine und zum Alltag meiner Hausarztpraxis. Ich kann hier einerseits meine Expertise einbringen, die ich über Jahre gewonnen habe und kann andererseits auch die Faszination des Schiffes geniessen. Es ist ein eigener Organismus. Der Passagier- und der Crewbereich sind zwei verschiedene Welten. Das ist eine eigene Gemeinschaft. Ich wechsle mich mit meinem Kollegen im Bereitschaftsdienst ab und kann so auch mal einen Ausflug mitmachen. Das gibt mir Kraft zurück. 
Wie vereinen Sie die Tätigkeit auf dem Schiff mit Ihrer Hausarztpraxis?
Als Schiffsarzt dauert ein Einsatz in der Regel zwischen sechs und 12 Wochen. Das erfordert eine gute Absprache mit den Kollegen in der Praxis. Ich kenne Kollegen, die für ihren Einsatz auf dem Schiff eine Vertretung einstellen. 
Jörg Gaiser (51) ist Facharzt für Allgemeinmedizin und betreibt mit zwei Kollegen eine Hausarztpraxis in Sindelfingen (D). Seit Anfang 2016 absolvierte er drei Einsätze als Bordarzt auf einem Schiff von TUI Cruises. 

  • Hier gibts detaillierte Informationen zu den medizinischen Berufen an Bord eines Kreuzfahrtschiffes

Was sagt Ihre Familie zu Ihrer Tätigkeit als Schiffsarzt?
Ich versuche, meine Familie während einem Einsatz auf dem Schiff für einen Teil der Zeit als Passagiere einzubuchen. Es ist schön, wenn man die Familie bei einer Reise um sich herum hat. 
Wie muss man sich Ihre Arbeit auf dem Schiff vorstellen? Wo gibt es Unterschiede zur Praxis zuhause?
Das muss man etwas zweiteilig betrachten. Als Schiffsarzt bin ich der Hausarzt für die Crew. Da begegnen mir die gleichen Dinge wie auch in der Praxis zuhause. Die Crew ist eher jünger und damit auch etwas gesünder. Bei den Gästen decken wir ebenfalls das ganze Spektrum der Allgemeinmedizin ab. 90 bis 95 Prozent unserer Arbeit hier sind ebenfalls hausärztliche Tätigkeit. Das Bordhospital ist jeden Tag sechs Stunden geöffnet. In dieser Zeit behandeln wir ca. 40 Patienten. In der übrigen Zeit haben wir Bereitschaftsdienst. 
Welche medizinischen Probleme treten am häufigsten auf?
Am häufigsten sehen wir grippale Infekte, Entzündungen der oberen Atemwege und Seekrankheit. Zudem kommt es vor, dass Gäste ihre Medikamente vergessen. Die Bordapotheke erfüllt den Zweck der medizinischen Erst- und Notfallversorgung. Medikamente geben wir grundsätzlich nur nach Konsultation und Untersuchung durch den Arzt ab.

«Unsere Arztberichte verfassen wir auf Englisch.»

Wie gross ist das medizinische Team an Bord?
Auf diesem Schiff arbeiten je zwei Ärzte und zwei Nurses, die sich jeweils täglich als Team abwechseln. Auf den grösseren Schiffen von TUI Cruises arbeitet zusätzlich ein Medical Assistant zur Entlastung des Teams von Verwaltungstätigkeiten. 
Was kann das Bordhospital leisten, wie ist es ausgerüstet?
Unsere Ausrüstung entspricht in etwa dem Schockraum eines Kreiskrankenhauses. Wir können Patienten stabilisieren und auch einige Stunden überbrücken. Wir haben aber kein CT oder MRT an Bord und auch keinen Herzkatheter. Da sind wir im Bedarfsfall auf die Landseite angewiesen.
Wie gelangen die Patienten in einem solchen Fall in ein Krankenhaus an Land?
Wenn es die Umstände zulassen, kann das Schiff den nächsten geeigneten Hafen anlaufen. Als Alternative kann der Patient auch von einem Schlepperboot abgeholt werden oder der Transport erfolgt per Hubschrauber.
Auf einem Kreuzfahrtschiff sind viele Nationen vertreten. Wie klappt das mit der Verständigung?
Die Bordsprache ist Englisch. Die Verständigung klappt damit eigentlich immer. Auch wenn wir die Landseite miteinbeziehen müssen, verfassen wir unsere Arztberichte auf Englisch. 

«Man ist Teil eines grösseren Organismus und hat Verpflichtungen.»

Was würden Sie jemandem empfehlen, der das auch mal machen möchte?
Wer Interesse hat, sollte zuerst abklären, ob er oder sie die Anforderungen an die medizinischen Ausbildungen erfüllt und sich dann direkt an die Reederei wenden. Sie gibt einen Einblick in die Einbindung des Schiffarztes in die Strukturen und Prozesse an Bord. Das muss dann auch auf die persönlichen Vorstellungen passen. Man ist Teil eines grösseren Organismus und hat Verpflichtungen. 
Was zum Beispiel?
Sicherheitsaspekte werden hier sehr hoch gehalten. Es gibt für die Crew viele Sicherheitstrainings. Wenn sich ein Unfall ereignet wie ein eingeklemmter Finger oder ein Sturz auf einem feuchten Bereich wird ein Unfallbericht erstellt. Der Safety Officer überprüft dann, ob die Vorschriften eingehalten wurden und ob man etwas verbessern kann. Wir überprüfen auch die Qualität des Trinkwassers. Wenn wir in einem Hafen Wasser aufnehmen, prüfen wir hier im Bordspital mit Wasserproben, ob eine Verkeimung vorliegt. Wenn etwas auffällig ist, werden die Tanks gespült und gereinigt. 
Welche Wünsche haben Sie an die Hausärzte Ihrer Gäste zuhause?
Bei chronisch Kranken ist es für uns sehr von Vorteil, wenn der Gast eine Kopie eines nicht allzu alten Arztbriefs dabei hat. Es hilft uns sehr, wenn die bekannten Diagnosen darauf aufgelistet sind. Ganz wichtig wäre ein Medikationsplan. Hausärzte sollen ihre Patienten darauf aufmerksam machen, auf einen Reisekrankenversicherungsschutz zu achten und einen genügend grossen Vorrat an Medikamenten mit auf die Reise zu nehmen. Wir haben immer wieder die Situation, dass Gäste die Medikamente ausgehen oder sie gleich zuhause vergessen werden. 
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