Der Pflegeberuf soll kein «Hilfsberuf» mehr sein

Die Pflege soll mehr eigene Kompetenzen bekommen und Leistungen direkt mit den Krankenkassen abrechnen können: So will es jetzt die zuständige Nationalrats-Kommission. Das ist ein Erfolg für den Berufsstand – allerdings ein Erfolg mit Wermutstropfen.

, 24. Januar 2016 um 21:43
image
  • pflege
  • politik
  • pflegeinitiative
Der Trend ist bekannt: Auch in der Schweiz sind Politik und Gesellschaft verstärkt bereit, einzelne Kompetenzen von den Ärzten auf andere Berufe zu verlagern und diese damit aufzuwerten. Eine wichtiger Hebel ist hier die 2011 gestartete Parlaments-Initiative «Gesetzliche Anerkennung der Verantwortung der Pflege»: Sie will die selbstständigen Möglichkeiten des Pflegepersonals beziehungsweise von pflegerischen Institutionen ausweiten.

Profession mit eigener starker Kompetenz

Nun biegt das Projekt auf die Zielgerade ein. Am Freitag beschloss die zuständige Nationalrats-Kommission, dass Pflegeheime, Spitex-Organisationen und selbstständige Pflegefachpersonen diverse Leistungen an die Krankenversicherung verrechnen können sollen, ohne dass noch ein Arzt sie anordnen muss. Das Gremium beschloss mit 14 zu 4 Stimmen (bei 4 Enthaltungen), dies dem Nationalrat so zu beantragen; in einer späteren Stufe müsste dann der Bundesrat festlegen, welche Leistungen genau unter diese «Anerkennung der Pflege» fallen.
Klar ist, dass es dabei um die Unterstützung der Patienten bei Körperpflege und Ernährung, um die Verhinderung von Komplikationen (wie Wundliegen oder Thrombosen), um die Beratung der Patienten und ihrer Angehörigen geht – und nicht um diagnostische und therapeutische Massnahmen, die weiterhin voll in der Verantwortung der Ärzte liegen sollen.
Mit dem gesetzgeberischen Schritt würde die Arbeit des Pflegepersonals weniger als «Hilfsberuf» der Mediziner definiert – und verstärkt als Profession mit eigener starker Kompetenz.

«Eine Schlüsselfrage für die Zukunft»

Dieser Aspekt ist nicht sehr umstritten – zumal die erweiterte Anerkennung einiges dazu beitragen könnte, den unter Dauer-Personalmangel leidenden Pflegesektor attraktiver zu machen. «Ein Beruf, der die ihm zustehenden Handlungs- und Entscheidungsspielräume bietet, erleichtert die Rekrutierung junger Berufsleute und trägt dazu bei, dass qualifizierte Pflegefachpersonen länger im Beruf bleiben»: Mit dieser Überlegung begründete denn der damalige Nationalrat Rudolf Joder (SVP), der Vater der Initiative, seinen Vorstoss. «Die Personalfrage ist eine Schlüsselfrage für die Zukunft des Gesundheitswesens. Es besteht dringender Handlungsbedarf.»
So weit, so klar. In der Vernehmlassung tauchten dann allerdings Befürchtungen auf, dass mit der Autonomie in der Abrechnung auch neue Kosten auf die Krankenkassen beziehungsweise Prämienzahler zukommen könnten. Ähnlich wie bei den Ärzten, so die Sorge, könnte auch hier eine Ausweitung bei den Leistungserbringern zu einer Mengenausweitung führen. 

«Pflege aufwerten: ja, aber…»

Deshalb beschloss die nationalrätliche Gesundheitskommission nun auch flankierende Massnahmen. Pflegefachpersonen sollen nur dann direkt mit den Krankenkassen abrechnen können, wenn diese mit ihnen einen Zulassungsvertrag abgeschlossen haben. Zudem will die Kommission die neue Regelung auf sechs Jahre befristen. 
Das ist den Betroffenen ein Dorn im Auge: «Pflege aufwerten: Ja, aber…» – so der Titel einer Mitteilung des Berufsverbands SBK. Die flankierenden Massnahmen würden faktisch die Aufhebung des Kontrahierungszwanges für die freiberuflichen Pflegefachpersonen bedeuten, befürchten die Vertreter der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. 
«Wir müssen die Bedeutung und Tragweite dieser Entscheide nun gründlich analysieren», sagt SBK-Geschäftsführerin Yvonne Ribi. Aber es sei doch unverständlich, dass die Fragen rund um die Aufhebung des Kontrahierungszwanges auf dem Buckel der Pflegefachpersonen ausgetragen werden.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

«Heldin»: Die Pflege kommt ins grosse Kino

Ein Schweizer Spielfilm schildert die Kämpfe einer Pflegefachfrau in einer unterbesetzten Station.

image

Felix Platter: Da schaut die KI, was die Patienten essen

Ein «Foodscanner» liefert in Basel automatisiert Daten für die Ernährungsmedizin.

image

Pflege: Je jünger, desto ausstiegswilliger

In Deutschland liebäugelte fast ein Drittel der jungen Pflegefachleute im letzten Jahr mit einem Berufswechsel. Aber ist das so schlimm?

image

Widerstand gegen UPD-Sparmassnahmen weitet sich aus

Nun wehren sich auch Ärzteschaft und Pflegepersonal gegen die Einsparungen bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern.

image

Angebote der Rehaklinik Seewis

Die Rehaklinik Seewis hat sich auf kardiologische, psychiatrisch-psychosomatische und internistisch-onkologische Rehabilitation sowie Prävention spezialisiert. Dieser Artikel stellt die Situation für Patientinnen und Patienten beim Eintritt sowie die Angebote der Rehaklinik vor.

image

Deutschland: Nach Corona gab es keine Kündigungswelle in der Pflege

Im Covid-Stress bekundeten viele Pflegefachleute, dass sie den Beruf wechseln wollen. Aber nichts da.

Vom gleichen Autor

image

Kantone haben die Hausaufgaben gemacht - aber es fehlt an der Finanzierung

Palliative Care löst nicht alle Probleme im Gesundheitswesen: … Palliative Care kann jedoch ein Hebel sein.

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.